26. August 2015

Die mittlere Giudecca

Campo S. Cosmo
Links und rechts der Haltestellen Redentore und Palanca und das Stück dazwischen, in voller Tiefe der Giudecca, ist die Gegend, um die es hier geht. Hier wohnen normale Leute, die großen bzw. exklusiven Hotels sitzen an den jeweiligen Enden der Insel. Hier in der Mitte gibt es genug zu sehen und zu tun, gerne auch mit Kindern. Die Linie 2 fährt im 10-Minuten-Takt, die 4.1/4.2. im 20-Minuten Takt, und auch wer innerhalb dieser Linien umstei-
gen will, tut das besser auf der Giudecca als an der Riva degli Schiavoni und spart sich den Kampf durch die Menschenmassen und über Brücken. 

Auf der Guidecca ist es entspannter, direkt an der Haltestelle Redentore gibt es eine ungestylte Normalbar mit Holztischen, in der auch ein einfaches Mittagessen gekocht wird von einem freundlichen Inhaberpaar und sich Nachbarn auf einen Kaffee oder einen Wein sehen. 

Redentore und Palanca sind zeitweise enorm wichtig im Verkehr des Canale della Giudecca: am Fuß der Kirche des Redentore landet am Redentorefestwochenende (3. Samstag im Juli)  die Pontonbrücke, von S. Spirito in Dorsoduro kommend, und Palan-
ca ist die Verbindung, die während der Streiks der ACTV zu den Zattere hinüber aufrechterhalten wird (neben der Verbindung Zitelle-S. Giorgio). 



Helle Redentorefassade zum Canale della Giudecca
Die Kirche des Santissimo Redentore, des Allerheiligsten Erlö-
sers,  ist eine
Palladio-Kirche (also hohe Besichtigungspriorität!) und CHORUS-Kirche und wird in jedem Reiseführer beschrieben. Vormittagsbesuch empfiehlt sich wegen des Sonnenstandes und Lichts in der Kirche, nachmittags ist es ein bisschen düster. Hinter der Kirche ist auf Karten oder online-Plänen eine große Grünfläche zu sehen, der Klostergarten, in dem Obst, Gemüse, Oliven, Wein und Blumen wachsen, Hühner und Möwen picken, und wer gerne auf "Venetian Style" verzichtet und sich mit not-
wendigstem Wohnambiente begnügt, kann in der ehemaligen Manica Lunga (dem langen Zellentrakt) des Klosters eine
Zelle bewohnen, zu denkbar günstigem Preis. Die Nutzung eines se-
paraten schattigen Gartens zur Laguna Sud raus ist inklusive. Die Mönche leben in einem abgeschlossenen Trakt der Kloster-
anlage.



Rote Redentoreapsis und -türme zum Kloster und Garten
Wer nach der Redentorekirche links die erste Gasse, Calle S. Giacomo, von Canaleseite bis zum Ende der Mietshäusergrup-
pe durchquert, landet in einem schönen öffentlichen Garten an der Lagunenseite, mit alten Bäumen, einem Spielplatz für kleine Kinder und Sitzbänken. Und wer sich vorher auch noch im Super-
markt am Redentore oder beim Bäcker und den Wurst-, Käse- und Gemüsegeschäften an der Palanca eingedeckt hat, kann hier ein wunderbares Picknick mit Aussicht halten. Entsorgen der Abfälle inklusive, unaufgeräumte Hinterlassenschaften sind ja einer der berechtigten Aufreger der VenezianerInnen. Von diesem Garten sieht man die Inseln in der Lagune schwimmen: Lido, San Servolo, La Grazia, San Clemente, Sacca Sessola und in der Ferne die Lagunenausfahrt von Malamocco. Und schon rechts Bootsliegeplätze, eine Art kleiner Marina, das ist das nächste Ziel: ein Bootsparkhaus mit 24stündigen Service, plus Reparaturwerkstätten mit allem Zip und Zap.



Laguna Sud vor der mittleren Giudecca, Blick auf Malamocco
Also zurück über die Calle S. Giacomo, am Ufer links und durch den nächsten Sottoportego links, man erkennt den Eingang zum Gelände an einer dort ausgestellten Gondel, die Kinder zu ihrem Glück richtig anfassen können. Der Weg führt wieder Richtung Lagunenufer. Man sollte den Arbeitern nicht im Weg stehen, aber man darf problemlos bei der Arbeit zusehen: Boote werden computer aided aus der Garage geholt und zu Wasser gelassen, aus dem Wasser geholt und in dem tiefen, mehrstöckigen Han-
gar verstaut, alles hochspannend. Es kann auch stressig wer-
den, an Tagen, an denen viele Leute gleichzeitig ihre Boote abholen wollen (Redentore!), und wenn es ruhig ist, kann man mit den Garagenleuten einen Schwatz halten. Es gibt auf dem Gelände auch ein Restaurant mit Blick auf das Geschehen, habe ich nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite auf dem gleichen Weg, dann wieder links über den Rio del Ponte Longo, ein wun-
derschöner Blick, und direkt wieder die erste Gasse links, 
Calle delle erbe.


Marina, im Südwesten die Euganeischen Hügel auf dem Fesstland
Von hier aus kann man diese Teilinsel der Giudecca erkunden, die aus Nachbarschaften älterer Wohngebäude besteht, aber auch aus dem Ende der 90er Jahre von Cino Zucchi u. a. neu gestalteten Junghans-Viertel inklusive 2005 erbautem Theater und Schauspielschule. (Siehe meine Buchempfehlung "Architekturführer Venedig" vom 9.6.2014.)
Mir wurde hier empfohlen das "Ristorante Self Service Food & Art" auf dem Campo Junghans 487, Tel. 393.55.97.626, ire_ve_82@yahoo.it als gut, sehr preisgünstig, ambitioniert. Eigentlich ist Food&Art die Kantine für die Arbeiter der Marina und der in der Nähe ansässigen Werften und die Studierenden der Wohnheime auf der Giudecca, aber offen für Gäste - leider auch nicht ausprobiert. Zurück zur Canaleseite durch eine der beiden Calli Ferrando. 


Campo Junghans 2007
Und wieder links, über den Ponte Piccolo und auf die nächste Insel, auf der man eine große Zahl kleiner und großer Campi, Campazzi und Corti findet, um die sich die Wohnnachbarschaften gruppieren. Idyllisch für vorbeigehende BesucherInnen, denen die Intimität solcher Wohngemeinschaften vielleicht weniger gefiele. Bis man schließlich auf einem 'echten' Campo landet, einer der letzten venezianischen grasbewachsenen Campi vor einer Kirche: Campo S. Cosmo vor Kirche und Ex-Kloster SS. Cosmas und Damiano, immer geschmückt mit Fischerutensilien und ausgebreiteten Netzen. So mag das früher in allen Rand-
gebieten Venedigs ausgesehen haben - der Canal Grande ist eine völlig andere Welt.  


Die Kirche ist geschlossen und durch die Nutzung als Fabrik baulich so verändert, dass eine Öffnung nicht zu erwarten ist, aber durch ein unverschlossenes Gittertor tritt man in einen Sottoportego, der zum Kreuzgang führt. Sonnengeflutet, von Katzen bewohnt, ein schöner Brunnenkopf ist erhalten, zwei Ausgänge führen in die umgebende grüne Wildnis, die der Insel-
jugend vorbehalten zu sein scheint. Im Parterre des ehemaligen Klosters hat das Archiv des Komponisten Luigi Nono seinen Sitz und in den letzten Jahren haben sich dort einige Kunsthandwer-
ker mit Ateliers eingerichtet. Man kann auch Ihnen bei der Arbeit zusehen und bei Interesse und Sprachkenntnissen darüber plau-
dern. Die oberen Räume werden von Kulturprojekten genutzt und für Biennaleausstellungen angemietet. Wo man nicht rein soll, ist abgeschlossen, man kann sich also umschauen ohne Sorge, jemandem zu nahe zu treten. 



Vera da pozzo im Kreuzgang SS. Cosmas e Damiano
Auf der Fondamenta del rio di S. Eufemia erreicht man wieder die Canaleseite, und mit Glück (sprich: Gottesdienstzeit, Hochzeit, Taufe, Trauerfeier...) hat man eine Chance, anschließend die Kirche zu betreten. Es dauerte Jahre, bis ich sie zum ersten Mal sehen konnte, aber es dauerte auch lange, bis ich die Guidecca gezielt unter die Füsse nahm - ich vermute, das geht einigen Anderen auch so und ich hoffe, Neugier geweckt zu haben, einen sehr speziellen Teil Venedigs zu erkunden. Auf den beschriebe-
nen Wegen oder anderen.


Dazu bietet sich unbedingt eine aktuelle Gelegenheit, wenn am 11.-13.9.2015 wieder das Guidecca Kunstfestival stattfindet, das von EinwohnerInnen gegründet wurde und gemeinsam ge-
staltet wird, schon 5 mal in Folge mit jeweils gesteigertem Erfolg. Es beteiligen sich die Kulturgruppen der Guidecca - Musik, Thea-
ter, Tanz; die Galerien, Handwerk- und KunsthandwerkerInnen, Restaurants, jeder kann sich an der Gestaltung des Programms beteiligen. Der Termin steht seit Wochen im Kulturkalender, aber ich will noch eigens daran erinnern:


Nicht verpassen!





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16. August 2015

Eine Geschichte von Murano und Potsdam


Eine überraschende Kombination?!

Den ersten Teil der Geschichte erzählt Alvise Zorzi; ich übersetze und zitiere aus seinem Werk "Venezia scomparsa": 

"Bis heute gehört zu den Titeln des Patriarchs von Venedig der es Ewigen Komtureiabtes von San Cipriano di Murano, obwohl die Abtei schon lange nicht mehr existiert. Die letzen Gebäude-
reste wurden vor 1840 niedergerissen, sogar die Fundamente wurden 1864 ausgehoben und wo es danach auf dem Gelände Gärten gab, stehen heute moderne Gebäude.


Die Abtei hatte ihren Ursprung in Malamocco. Der Doge Ordelaf Falier gestattete, das primitive Kloster zu verlassen und die Abtei nach Murano zu verlegen, nachdem Pietro Gradenigo 1109 den Brüdern ein Grundstück in San Savatore in Murano geschenkt hatte. 1111 waren Kirche und Konvent fertiggestellt. Die Apsis-
wölbung der Hauptkapelle war ausgestattet mit einem herrlichen byzantinischen Mosaik, gestiftet von Frosina Marcello 'pro anima suaque Petri Marcelli Marci et Teofili suorum filiorum' laut der Inschrift, über die Moschini berichtet, und es zeige 'den segnen-
den Erlöser mit der Jungfrau, den Heiligen Petrus, Johannes und Cipriano und die Erzengel Michael und Raffael'. (Moschini G. A.; Guida per l'isola di Murano, Venedig 1808)."


seconda parte
Lage von S. Cipriano im Südwesten Muranosnahe den Inseln S. Michele
und S. Christoforo, aus denen jetzt der Friedhof besteht.
Heute weist noch die Calle S. Cipriano auf  das Kloster hin
Alvise Zorzi berichtet weiter, dass sich hier neben anderen die Grablegen des Dogen Pietro Polani und des Dogen Pietro Gradenigo befanden. 1563 eröffnete nach Verfügung von Papst Pius IV der venezianische Patriarch und ehemalige Abt von S. Cipriano Giovanni Trevisan ein "ewiges" Priestersemiar, dem Orden der Somasker unterstellt. 1632 ergänzte der Patriarch Kardinal Federico Corner das Priesterseminar durch eine Inter-
natsschule für die Patrizierjugend, die Ansehen gewann und u. A. von Ugo Foscolo,
Gasparo Gozzi und Giacomo Casanova besucht wurde. 
Die nicht sehr große dreischiffige Kirche wurde 1650 unter dem Patriarchen Francesco Morosini renoviert, die 3 Absidenkapellen und das Mosaik blieben dabei unverändert. Bis 1817 gab es in der Kirche Kunstwerke von Cristoforo da Parma, Pordenone, Palme il Giovane, Polidoro, drumherum einen großen gepflegten Klostergarten, bis das Seminar durch den Patriachen Franceso Maria Milesi dahin verlegt wurde, wo es noch heute seinen Sitz hat, in Venedig zwischen Salutekirche und Dogana (wie schon 1807 der Bischofsitz von S. Pietro di Castello nach S. Marco ver-
legt worden war). Damit wurde 
San Cipriano 1817 "schmählich aufgegeben" und der Plünderung überlassen.

Muran 1600

Die Bibliothek des Seminars und die Kunstschätze der Kirche wurden beim Umzug soweit möglich mitgenommen und befinden sich noch heute im Seminario patriarcale. 

"Was übrig war, wurde 1837 einem Geschäftsmann namens Medina überlassen, der Stück für Stück alles niedermachte und Marmor, Ziegel und Steine als Baumaterial verkaufte. Es war sogar die Rede davon, das kostbare Mosaik aus der Apsis der Hauptkapelle zu reissen, um die Einzelteilchen für Reparaturen an den Mosaiken von San Marco zu verwenden, für die es kein Material gab. ...  
Urnen und Grabmäler wurden barbarisch zerstört, die Urne des Dogen Pietro Gradenigo verkauft, und was im verbleibenden Schutthaufen an menschlischen Überresten gefunden wurde, ließ Federico Gradenigo mit Regierungserlaubnis unter dem Altar in der Kapelle seines Palazzo am Rio Marin wieder bestatten.
Wenigstens das Mosaik wurde 1838 vom preußischen Kron-
prinzen gekauft, von den Künstlern Pietro Querena und Lorenzo Priuli aus der Apsiskuppel gelöst, nach Deutschland verfrachtet und in der Apsis der Friedenskirche in Potsdam angebracht, wo es sich heute noch befindet und auf wunderbare Weise alle Zerstörungen des Krieges überstand."




Soweit Alvise Zorzi. Beim "preußischen Kronprinzen" handelte es sich um Friedrich Wilhelm, der kurze Zeit später, ab 1840, FW IV König von Preußen sein würde. 
Und so geht der zweite Teil der Geschichte:

Friedrich Wilhelm, seit seiner Kindheit fromm und religiös, seit seiner Jugend gefördert auch in Themen der Theologie und Kunstgeschichte, vertieft durch Reisen in Italien, und mit höch-
stem Interesse an Architektur, plante seit Beginn der 30er Jahre eine Kirche in Potsdam, als deren Vorbilder er die Kirche S. Clemente und für den Turm S. Maria in Cosmedin, beide in Rom, wählte. Die frühchristliche byzantinische Vorstellung, ein Kirchengebäude symbolisiere den Staat Gottes, übertrug er in seine Vorstellung vom preussischen Staat als Analogie zum Gottesstaat. Was er plante, war ein Bau mit Leitbildcharakter, und er wünschte ein originales byzantinisches Mosaik zur Verstärkung der Symbolik. Der byzantinische Pantokrator - Allherrscher - in Analogie zum Herrscher Friedrich Wilhelm im Gottesstaat Preußen, um es ganz knapp zu formulieren.




Das Mosaik der Stifterin Frosina Marcello war ein wahrer Fund für 385 Taler, Querena und Priuli lösten es kunstgerecht aus der Apsis von S. Cipriano, zerteilt in 100 trapezförmige Teile, was fast ein Jahr dauerte. (Archiviert ist die Bescheinigung der "Kgl. Zufriedenheit und Bewilligung eines Gnadengeschenkes" für die beiden Mosaizisten vom 14.3.1840.) Technische Details kann man höchst interessant in der Diplomarbeit von Philipp Schubert, FH Potsdam 2009, nachlesen.
Die Spedition mit Schiff, Bahn, Fuhrwerk kostet das 5fache des Kaufpreises, in Potsdam werden vorhandene Pläne den Maßen des Mosaiks angepasst, überhaupt nervt FW seinen Architekten Ludwig Persius (und nach dessen frühem Tod, Friedrich August Stüler, Ferdinand Ludwig Hesse und Ferdinand von Arnim) durch immer neue Änderungwünsche im Detail und im Gesamtkonzept. Grundsteinlegung ist am 14.4.1845, erst kurz zuvor steht der Name der Kirche fest: Friedenskirche




Ich war im April in Potsdam um das Mosaik aus Murano zu be-
wundern und fand in der wunderbaren Gesamtanlage eine ganze Reihe weiterer venezianischer Spolien wie einen Brunnenkopf, Skulpturen und Reliefs. Ich vermute, dass einige davon schon von ihrem Ursprungsort im östlicheren Mittelmeerraum nach Venedig kamen und nach Potsdam "weitergereist" sind. Die Kirche strahlt sehr große Ruhe und Würde aus (gewöhnt an die Fülle in katholischen venezianischen Kirchen). Das Mosaik ist überwältigend schön und klar, der große goldene Hintergrund lässt an das Mosaik in der Apsis der Assunta von Torcello den-
ken. Das Mosaik zeigt, wie schon Alvise Zorzi schreibt, die Dar-
stellung der Deesis - Christus empfängt als Pantokrator (All-
herrscher) die Fürbitten seiner Mutter und des Täufers, in die-
sem Fall begleitet von den Heiligen Petrus und Cipriano, einge-
rahmt von den Erzengeln Michael und Raffael (deren Seiten vertauscht wurden, kann passieren). Von Thomas-Peter Gallon steht eine hochinteressante Arbeit zum Mosaik "Herrscher, Richter, Segensspender?" im www (38 Seiten Text, 15 Seiten Fussnoten, jede Zeile davon lesenswert). 




Man kann nicht dankbar genug dafür sein, dass uns dieses Werk erhalten ist und nicht im Schutt von S. Cipriano versank oder als Reparaturmaterial in S. Marco landete. Das Mosaik wurde nicht 'geraubt', sondern gerettet und muss weiter verantwortlich ge-
pflegt werden als kostbares kulturelles Erbe und Teil des UNESCO Welterbes. Der Unterbau (genauer: Überbau) an dem es befestigt ist, verrottet und muss dringend erneuert werden. Das Mosaik selbst bedarf der Restauration. Auch die Kirche insgesamt braucht Sanierungen. Bereitgestellte öffentliche Mittel reichen nicht aus, Spenden müssen her. 


Wer Venedig und die Lagune liebt, wer das venezianische Erbe erhalten wissen will, darf sich verantwortlich fühlen für das Kunstwerk aus der Lagune, das seinen Weg zu uns gefunden hat. Einmal gerettet, soll es dauerhaft gerettet bleiben.  

Märkische Allgemeine: Alarmstufe Rot für die Friedenskirche
RBB: Mit Spendenmillionen zu neuem Glanz
Potsdamer: Hilfe für Kirche mit Dachschaden
Spenden an den Bauverein der Friedenskirche
Spenden für die Friedenskirche an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Monumente online der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Faltblatt Friedenskirche der Deutschen Stiftung Denkmalschutz



Vom Hauptbahnhof Potsdam fährt eine Straßenbahn (Nummer vergessen, sorry) zur Friedenskirche, ca. 300 m zu Fuss ab Haltestelle, immer dem Anblick des Campanile nach. Lage auf Bing Maps

Die Kirche kann zu Gottesdiensten besucht werden, und es gibt eine Gruppe von Ehrenamtlichen, die Verantwortung für die tägliche Öffnung der Kirche Sorge trägt. Es ist trotzdem sinnvoll, bei einem geplanten Besuch vorher das Gemeindebüro anzurufen, um sicherzustellen, dass eine Besichtigung möglich ist.
Am Grünen Gitter, 14469 Potsdam, Tel. 0331-974009

Am Tag des offenen Denkmals 13.9.2015, ist die Friedenskirche geöffnet für BesucherInnen von 12-18 Uhr. Von 13-17 Uhr gibt es stündlich kostenlose Führungen durch Mitglieder des Bauvereins Friedenskirche und weitere ExpertInnen.



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8. August 2015

Palazzo Falier - William D. Howells - Sean Scully


Dieses Haus am Canal Grande, Palazzo Falier, habe ich schon in einigen Biennale-Einträgen erwähnt und konnte es jetzt zum 2. Mal besuchen. Diesmal nicht über das pompöse Treppenhaus zum Piano nobile, sondern über eine enge Seitentreppe. Die venezianische Regel, nach der auch in aufgeteilten Häusern alle Wohnungen über einen separaten Eingang erreichbar sein müssen, schafft kreative bis unbequeme Treppenlösungen.

Garten hinter dem Haus mit Außentreppe in die oberen Etagen (Okt. 2012)
Auf den kurzen ersten Blick scheint die Etage normal dreigeteilt - Portego und zwei Reihen von Räumen, die davon ausgehen - aber die Symmetrie stimmt nicht, vor allem auf der rechten Sei-
te, wo die Raumaufteilung durcheinander geraten ist. Man sieht es auch an den Fussböden, wo die Terrazzomuster erhalten sind aber nicht mehr in die Zimmer passen. Der Blick auf den Canal Grande von den beiden verglasten Vorbauten ist einzigartig, vor allem in der Morgensonne. Der linke Vorbau ist im Piano nobile etwas breiter, der rechte hat im Mezzanin eine winzige Terrasse, die das draufgesetzte Fensterzimmer entsprechend verkleinert. Man kann das Terrässchen auf dem Foto oben gut auf der rechten Ecke erkennen. (Mehr Fotos im
Eintrag vom 5.3.2015.) 


Wassereingang zum Canal Grande (Juni 2013)
Das Haus hat einen schönen kleinen Wassereingang am Canal Grande; den Eingang zum Piano nobile erreicht man durch den Garten hinter dem Haus, in dem die weiße Katze ihr Leben ver-
schläft,
 über die Calle Falier oder Vitturi; der Eingang zum Mezzanin ganz am Ende der Gasse an der Ecke zum Canal Grande

Details beschreibt William Dean Howells, der als Honorarkonsul der USA von 1861-1865 in Venedig den größten Teil der Zeit in diesem Haus lebte, im Mezzanin unter dem Piano nobile:

"(Die Wohung)... befand sich in der Ecke eines alten Palastes am Großen Kanal, und vom Fenster der kleinen Wohnstube blickte man hinunter auf das Wasser, das wohl mit der gemalten Decke dieses Raumes Freundschaft geschlossen hatte und ihr, wenn die Sonne schien, den zitternden, goldenen Schimmer eines Lächelns verlieh. Das Eßzimmer wurde von ihm nicht so sehr begünstigt, aber dafür sah man von hier aus die grünen, ständig rauschenden Wipfel der Bäume aus einem winzigen Garten emporragen, der nicht größer als ein Taschen-
tuch war. Durch dieses Fenster konnten wir auch das merkwürdige, malerische Leben auf dem Kanal beobachten und von einem anderen Raum die kleine Terrasse über dem Wasser erreichen. Wir wohnten nicht im appartamento signorile - das liegt darüber -, sondern waren gemütli-
cher im ersten Stock über dem Erdgeschoß untergebracht, der ehemals gewöhnlich als Winterwohnung diente. Man hatte das Gebäude jedoch zerstückelt und je nach Laune der aufeinanderfolgenden Hauswirte ganze Zimmerfluchten abgebrochen, bis es überhaupt nicht mehr wie ein Palast wirkte. Die oberen Stockwerke behielten zwar immer etwas von ihrer einstigen Erhabenheit, waren aber im Laufe der Zeit noch unbehaglicher geworden als früher. Sie erweckten in uns keinen Neid, obwohl man sie billig vermietete und der Preis geringer war als der von uns gezahlte; dennoch konnten wir ein sehnsüchtiges Verlangen nach ihren gwölbten und gemeißelten Fenstern, die wir manchmal vom Kanal aus über den Wipfeln der Gartenbäume sahen, nicht ganz unterdrücken.


Die Gondoliere pflegten stets auf unseren Palast, den man Casa Falier nannte, hinzuweisen und ihn als das Haus zu bezeichnen, in dem Marino Faliero geboren wurde, und lange klammerten wir wir uns an die Hoff-
nung, daß es sich wirklich so verhielt. Wie angenehm es auch immer sein möchte, waren wir, nachdem wir ein wenig darüber gelesen hatten, doch genötigt, uns nicht länger der Täuschung hinzugeben und einem alten Palast am Santi Apostoli die Auszeichnung zuteil werden zu lassen, die wir gern für unseren in Anspruch genommen hätten. Ich vermag wirklich nicht zu erklären, inwiefern für uns das Leben in der Casa Falier reizvoller gewesen wäre bei dem Gedanken, ein enthaupteter Verräter sei darin geboren worden, aber erstaunlicherweise fanden wir Ge-
schmack an dieser falschen Annahme, solange wir sie nur irgendwie auf-
rechterhalten konnten. In unserer Leichtgläubigkeit wurden wir wesentlich dadurch bestärkt, daß in einem anderen Teil des Palastes der Canonico Falier wohnte, der in gerader Linie von dem unglücklichen Dogen ab-
stammte. Es war ein alter, sehr sanft aussehender Priester mit einem weißen Haupt, das er stets gesenkt hielt, und dunkelroten Beinen, auf denen er sich nur mühsam fortbewegte. Ihm gehörten die Räume, in denen er lebte, und die Wohnung an der Vorderseite des Palastes, die genau über der unseren lag. Die übrigen hatten einen anderen Besitzer, denn in Venedig werden viele Häuser aufgeteilt und an verschiedene Käufer abgegeben, entweder jeweils eine Etage oder manchmal sogar Zimmer für Zimmer."



Gedenkplakette unter William D. Howells "kleiner Terrasse über dem Wasser"
William Dean Howells; Leben in Venedig. Rütten und Loening, Berlin 1987, ISBN 3-352-00117-0) Für Venedig-Appassionati ein unverzichtbares Buch, nur noch gebraucht erhältlich bei den Üblichen (Booklookers, Amazon, Abebooks...), spottbillig. 

Das Original ist kostenlos online zu lesen unter Online-Literature unter dem Link http://www.online-literature.com/william-dean-howells/venetian-life/7/. (An dieser Stelle habe ich das Kapitel 7 verlinkt mit dem obigen Text. Um das Buch komplett zu lesen, bitte die einzelnen Kaptitel anklicken.) 


Kaminzimmer zum Canal Grande, Ausstellung Sean Scully
Zur Zeit ist hier als Nebenausstellung der Biennale "Land Sea" des irischen Malers Sean Scully zu sehen. Dicke Streifen und Blöcke von Blau-, Grün-, Grautönen, Abstufungen von Dun-
kel in ocker, rot, braun, Lackfarben mit Samtimpression und tie-
fem Leuchten. Selten konnte ich abstrakte Werke so genießen, die große Differenziertheit des scheinbar Einfachen.    

Hier gibt es interessantes Interview mit Sean Scully in deutscher Sprache.

Wer über den  Ausstellungbesuch im Palazzo Falier hinaus gehen möchte, kann dort eine der vielen venezianischen "Ferienwohnungen" mieten - mittlerweile durchaus umstritten, aber der Wohnungsmarkt in Venedig ist ein anderes Thema. 


Portegofenster zum rückwärtigen Garten
Ausstellung Sean Scully



Ich begleite und führe zu Biennale-Ausstellungen in interes-
santen Gebäuden in der Stadt. Auch themen- oder personen-
orientierte Begleitungen können angefragt und abgestimmt werden über einen Klick ganz oben rechts in der dunkelgrünen Spalte.



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3. August 2015

Hitzewelle in Venedig


Es ist nicht die erste Hitzewelle in diesem Sommer, aber da die Stadt Venedig vor einer knappen Stunde wieder eine Warnung für die nächsten Tage herausgegeben hat und damit für die Be-
völkerung den Hitzewellenaktionsplan in Kraft setzt, will ich ein paar Empfehlungen für NormaltouristInnen geben.

Meteo-Vorhersagen für Venedig 
P.S. 7.8.: Verlängerung der Klimawarnung bis Sonntag.
P.S. 10.8.: Es ist noch nicht vorbei, wird aber besser.

Viel trinken ist bekannt - ich mache nochmal auf meinen Eintrag vom 8.7.2015 Kostenloses öffentliches Wasser in Venedig auf-
merksam. Zum Trinken und Kopf-darunter-halten.


Keine Abkühlung in den Kanälen suchen! Ein großer Teil des Brauchwassers fließt ungeklärt in die Kanäle und wird von der Flut entsorgt. Je wärmer das Wasser umso vermehrungsfreu-
diger die Bakterien, die durch die Rohre ins Wasser plumpsen - keine Details zur Vertiefung des Themas - und der menschliche Körper sollte sich nicht dazu gesellen. Auch nicht die große Zehe.


Zu den Stränden an der Adria und in der Laguna Nord werden die Takte des ÖPNV verdichtet. Man kommt mit Vaporetti von Lido S. Nicolò und von Murano Faro zum Strand an der Torre Massimiliana auf Sant'Erasmo. Extrazubringer auch von der Nordseite der Stadt (Fondamente Nove, Celestia etc.). Sonderfahrpläne hängen in den Haltestellen aus. Von Lido S. M. Elisabetta geht es mit Bussen zu den Stränden des Lido, Mala-
mocco, Pellestrina. Oder mit den Fahrrädern, die es direkt hinter der Vaporettohaltestelle zu mieten gibt.

Eintrag ÖPNV 2015 mit PDF der reglulären Linien und Änderungen.

Die Kirchen sind meist relativ kühl und gut bestuhlt. Man kann sich dort bei Hitze gut aufhalten und von Kirche zu Kirche hop-
pen. Vorsicht Erkältung wegen der Temperaturschwankungen.


Und das Beste: alle Museen sind hervorragend klimatisiert. Die Kühlung und Reduzierung der Luftfeuchtigkeit ist nicht nur gut für die Kunstwerke, das Eintrittsgeld ist gut angelegt. Was kann bei der Hitze schöner sein als ein ganzer Tag im Dogenpalast oder in der Accademia, frisch wie ein Kühlschrank...? Es empfiehlt sich, ein Jäckchen mitzunehmen, bei stundenlangem Aufenthalt reichen sommerliche T-shirts nicht aus.  





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2. August 2015

Rio dei Servi

Mal wieder eine kleine musikalische Unterbrechung der Biennaleberichte...





Siehe auch 16.6.2015



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31. Juli 2015

Doppeldebüt am Canal Grande: Mauritius und Palazzo Flangini



Kurz nach der Scalzibrücke sieht man vom Vaporetto aus links den Palazzo Flangini und bei der 1. bis ca. 20. Vorbeifahrt muss man nichts merken, dann aber doch: hier stimmt was nicht mit der Proportion. Höhe? Nein, auch das Dachgeschoss ist Original und nicht nachträglich aufgestockt wie so viele Obergeschosse am Canal Grande. Symmetrie? Wassertor sitzt an einer seltsa-
men Stelle links außen... auf der Website von J-CR  (siehe Link oben) liest man: Gebäude unvollendet. Das Nachbargrundstück konnte nicht wie geplant erworben werben. So ein Pech, da fehlt quasi 1/3 des Hauses. Aber so hat das Gebäude neben der Schönheit seiner Fassade noch das besondere Merkmal 'unvoll-
endet' wie z. B. auch der gut 100 Jahre später erbaute Palazzo Venier dei Leoni, dem alles fehlt, was über das Wassergeschoss hinausgehen würde.



Die Flangini waren eine wichtige einheimische Familie auf Zypern, deren Männer ab dem 14. JH ihr Blut (nein, nicht spendeten, sondern) opferten für die Serenissima und später das venezianische Königreich Zypern. Zunächst im Streit mit den Genuesen, dann gegen die Osmanen. Im Zuge des Verlusts der Insel (im Jahr 1571) zog die Familie nach Venedig, 1638 kaufte Tommaso Flangini zunächst zwei alte Palazzi als Baugrund für dieses Haus. 1664 wurde der erste Flangini, nämlich Girolamo, im Großen Rat der Serenissma zugelassen - den Nobelstatus hatte die Familie zuvor erlangt durch Zahlung von 100.000 Duka-
ten für den Krieg mit den Osmanen um das venezianische Königreich Candia/Kreta.

Die Flangini endeten 1804 mit dem letzten Nachkommen, Ludo-
vico, der nach Ehe und Vaterschaft als Witwer (!) immerhin noch Patriarch von Venedig wurde und als Kardinal am Konklave zur Papstwahl 1799-1800 auf S. Giorgio Maggiore teilnahm. 



Das Haus steckte lange Zeit hinter Gerüsten und Planen und steht jetzt für 'Events' zur Vermietung. 2014 gab es als Neben-
ausstellung zur Architekturbiennale im Androne eine schöne Fotoausstellung mit Portraits des Dutzends globalberühmter ArchitektInnen bei nicht funktionierender Beleuchtung (jeden-
falls, als ich da war). 

Jetzt ist im Androne eine gemeinsame Ausstellung von Lena Liv und Lindy Nsingo "Dancing makes me joyful", die mich leider kalt lässt. Pastellfarbene Blüteninstallationen von Lena Liv und eine Tanzperformance von Lindy Nsingo, die live vermutlich beein-
druckend ist, aber nicht auf sehr kleinen Monitoren, und mal wieder kein geduldfördernder Stuhl. Ach, Künstlerinnen, die in ihrer Arbeit aufgehen aber nicht über deren Rezeption nach-
denken!



Besser, bzw. gut wird es im Piano nobile. Eine wunderschöne Restaurierung, Fresken, Gemälde, Kamine, Balkendecken, Stuck, Murano - besuchenswert, bewundernswert. 
Die erste Biennale-Ausstellung von Mauritius (ich bin nicht geografiefest genug und muss das googeln: Mauritius) "From one citizen you gather one idea" zeigt Arbeiten zu Kolonialismus und Postkolonialismus, Inklusion und Differenzierung von 14 KünstlerInnen, 7 aus Mauritius, 7 aus Europa; Werke, die zum Teil überraschen und mir gut gefallen. Die Ausstellung ist klein, aber insgesamt gibt es viel zu sehen und witzige Interaktionen zwischen der Gegenwartskunst und der pompösen Raumge-
staltung des 17. JHs. 

Und es gibt mal wieder - die dankbare Biennalewanderin fläzt sich umgehend - ein paar wunderbare Sofas, weiches weißes Leder, im Hintergrund, fast zu übersehen! An der dem Canal Grande abgewandten Seite, hinter großen Topfpalmen liegt diskret diese Oase, ein paar BesucherInnen kommen und gehen durch den Portego und die Nebenräume, aber dieser herrliche Salon ist für jetzt allein meiner.


Haltestelle Ferrovia, weiter Lista di Spagna bis zur letzten Gasse (Calle Flangini) rechts vor dem Campo S. Geremia oder auf dem Campo S. Geremia direkt rechts gehen (hier heißt der Platz Campiello Flangini) bis zum Haus in der Ecke.


Ich begleite und führe zu Biennale-Ausstellungen in interes-
santen Gebäuden in der Stadt. Auch themen- oder personen-
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28. Juli 2015

Dachboden in Venedig

Ausstellung der Philippinen "Shoal" von  Jose Tence Ruiz
unter dem Dachboden
Ich war mal das Kind, das alle Dachböden des Dorfes kannte. (Vorausgesetzt, es gab Kinder im jeweiligen Haus.) Noch heute kann ich mich an die meisten erinnern und im Geiste dort herum-
schnüffeln. Das funzelige Licht (wenn überhaupt), die niedrigen Balken, die Kälte im Winter, die stickige Hitze im Sommer, Re-
gengepladder auf den Ziegeln, der Staub, das Getier - lebendig krabbelnd oder tot und bleich unter den Dachpfannen hängend. Die Reste von Generationen, chaotisch mit geordneten Teil-
bereichen. Die Funde...! 


Auch in Venedig kann zum Glück der eine oder andere Dachbo-
den besucht werden. Sind natürlich gefegt und aufgeräumt, aber unvergleichlich unter dem alten Gebälk. Der eine ist natürlich der des Dogenpalastes, schon zweimal habe ich an der Führung der "Geheimwege" teilgenommen, der zweite war - und ist immer wieder - der Dachboden des Palazzo Fortuny. Und jetzt völlig überraschend Nummer 3! Palazzo Mora neben bzw. hinter der Kirche S. Felice. 



Blick auf die Nachbardächer...
Eingang über die Strada Nova (3659) durch einen Vorgarten mit 2 von Carole Feuermans Badeanzugdamen und dann folgt die riesige, über mehrere Etagen verteilte Wundertüte der Sammel-
ausstellung "
Personal Structures - Crossing Borders". Bereits zum 2. Mal als unabhängige Ausstellung während der Biennale (und auch wieder parallel zu den Räumen im Palazzo Bembo). 
Dieses Mal gibt es (Reihenfolge querbeet, Aufzählung unvoll-
ständig) Werke von Dieter Huber, Marc AbeleSaad Qureshi, Soojin Cha, Veronique Rischard, Orly AvivSebastian SchraderMarc Fromm, Xenia Hausner, Carl AndreAnne Herzbluth, Hans AichingerMichael Cook, Lore Bert, Martin Stommel, Bruce Barber,  Narine Araqelyan, Guy van den Bulcke, aber auch ein paar Stimmungskillern wie Hermann Nitsch oder Mike Parr, um die man in Begleitung kleiner Kinder einen Bogen machen sollte, aus meiner Sicht.


Außerdem die wichtigen Nationenausstellungen der Philippinen (nach 51 Jahren Pause), zu sehen sind der komplette Film 'Djin-
gis Khan' von 1950 und "Shoal" (Untiefe) von Jose Tence Ruiz, eine tolle Installation, die auch noch umwerfend duftet (leider gibt es so selten Geruchskunst); und die ersten Auftritte der Seychellen und der Mongolei (wunderbar, z. T. mit beuysschen Déjà-vus).  



...und die Nachbarterrassen
Aber nicht nur die Kunst im Haus ist eine Wundertüte, auch das Haus selbst, zum ersten Mal besucht und verwirrend. Einerseits die bekannte dreigeteilte venezianische Palazzostruktur - langer, das ganze Haus querender Portego mit kleineren Räumen rechts und links - andererseits scheinbar völlig unsortierte ineinander übergehende Zimmerchen. Auf der Internetseite des Hauses lässt sich das Durcheinander gut nachvollziehen: die rechte Hälf-
te des Hauses ist ein ehemaliger 'ordentlicher' Palazzo (siehe auch "Floorplan" unten rechts). Die linke Hälfte ist durch ein großzügiges Treppenhaus an den ehemaligen Palazzo Contarini angetackert und bestand ursprünglich möglicherweise selbst aus mehr als einem Teil. 

Die Familie Mora, erst im 17. JH in den Adelsstand gelangt (was in der Regel heißt, erkauft durch Beteiligung an der Finanzierung des Krieges um Kreta) wollte ein großes Haus, das ist es, wenn auch in der 2. Reihe und nicht am Canal Grande. Hat aber den Vorteil vieler überraschender Ausblicke auf die Nachbarhäuser und die Nachbarschaft von S. Felice und den Kanal von Noa-
le. 
(Auch unter Einsatz des bekannten Opernguckerchens.) Vor allem aus den oberen Etagen: großartig! 


Länderausstellung Seychellen
Womit wir beim Thema wären: Schon von den Räumen der Mon-
golei und der Seychellen trifft der Blick ins Gebälk, überraschend. Und dann geht es weiter rauf über Hühnerleitern, unter enge Dachschrägen, vorbei an Verschlägen und den düsteren Videos von Mike Parr, Stege führen über das duftende Wrack der Untiefe und die mongolischen Installationen, hier oben ist es dunkel, die wenigen kleinen Fenster sind blind, keine Aussicht, nur Blick auf abgerissene Tapeten, Gemäuer, Balken, Bauschutt, geborstene Türen, hin und wieder eingefügt einzelne Exponate. Ein herrlicher Dachboden. Geradezu perfekt. Nämlich gestaltet von der Archi-
tektin
Florencia Costa. Ursprünglich für ein Projekt der Architek-
turbiennale 2014:
Who's Afraid of Architecture. Das muss man sich vorstellen! Ich bin begeistert von der Idee und ihrer Aus-
führung, der kreativen Nutzung dieses Dachbodenraums. Überzeugend.


Von dieser Dachbodenerfahrung (und den Stunden in den vielen Ausstellungsräumen) muss ich mich erholen und lege mich eine Etage tiefer in einer kleinen Bibliothek (hier stehen Mengen di-
verser Ausstellungsbände zum Mitnehmen 
in den Regalen, aber wer will diese Brocken schon mitschleppen?) auf eines der Sofas. Kopf auf die eine Armlehne, Fußgelenke auf die andere. Stille bis auf den strömenden Regen vor dem kleinen Fenster. Hier bleibe ich... bis jemand auf deutsch sagt "Huch, hier schläft jemand - Entschuldigung...!". Schönes Nickerchen im Palazzo Mora.

Länderausstellung Mongolei
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