28. November 2012

Mehr als Kindergruppen und Barcodes

Seit Jahren begleitet Andreas Götz meine Einträge mit sach-
kundigen Kommen-
taren. Zum letzten Eintrag erhielt ich ein langes Mail von ihm mit (auch) kritischen Anmerkun-
gen und Beobach-
tungen, die ich nicht nur deshalb schätze, weil er "vom Fach", Architektur, ist. Er schreibt vorweg, "dass alles, was ich schreibe tendenziös ist. Ich schreibe hier keinen wissenschaftlichen Aufsatz.". Aber einen persönlichen, informativen und spannenden Standpunkt, deshalb (mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis) hier zu lesen
.




Erst mal zu den Schülern: Ich war vom 11. bis 15. November in Venedig, war einen Nachmittag in den Giardini, einen Nachmittag im Arsenale und noch zwei Stunden im Palazzo Bembo und ganz kurz an drei-vier anderen Orten. Die Giardini waren auch bei meiner Anwesenheit voll mit Schülern. Da wird zumindest in Norditalien sehr viel gemacht. Und die Biennale, die eine Gelddruckmaschine ist, die keinen Gewinn ausschütten kann, sponsert nicht nur Musikevents und Ausstellungen in Venedig, sondern auch die Schulpädagogik, sofern sie in Projekte eingebunden sind. Die wiederum sind oft von der Provinz Venezia organisiert.
Z.B. war ich im März zum Karneval in Venedig und war begeistert vom "Karneval der Kinder". Im Zentralpavillion der Giardini waren unterschiedliche Stationen vorbereitet und die Schulklassen wurden von speziell geschulten Pädagogen von einer Station zur nächsten gebracht. Es gab Geschichten, Historisches, Installationen und Möglichkeiten Masken oder Kostüme zu basteln. So durchdacht und mit so vielen Kindern habe ich noch nie vorher eine Veranstaltung gesehen.
Modell der Elbphilharmonie
Zu den Kommunikationsmitteln: Ich habe in drei Pavillons Tablets von Samsung bekommen. Samsung scheint da also als so eine Art Sponsor aufgetreten zu sein. Einige meinten das durchaus ernst, aber den russische Pavillion fand ich im nachhinein durchaus subversiv. Die gesamten Wände und Decken waren ja lückenlos mit QR-Codes tapeziert. Wenn man die gescannt hat, kamen Informationen über ein Projekt. Diese Infos waren dann ziemlich konventionell. Außerdem habe ich in jedem Raum nicht mehr als 3 unterschiedliche Projekte gefunden.
Das Entscheidende war aber, dass gleichzeitig im gesamten Untergeschoss "verbotene Städte" gezeigt wurden. Städte der Rüstungsindustrie und der Forschung, die vor 1989 geheim waren. Bilder dieser Städte waren in den dunklen Räumen nur durch Löcher in der Wand zu sehen. Die QR-Codes im Obergeschoß waren, wenn man es positiv interpretiert, wie die Löcher in den Wänden des Untergeschosses, die den Blick auf bisher Verborgenes boten. Die reale Erfahrung war indes die, daß es ein ziemlicher Scheiß ist, wenn man ausschließlich auf die Informationen angewiesen ist, die die Codes vermitteln, wenn man keine andere Wahl hat, sich anders zu informieren. Und das haben auch die Schüler, die mit mir im Raum waren, sehr schnell erkannt.


Zum Thema der Biennale: Ich habe eben das Interview von Chipperfield angesehen und war erstaunt, daß er offensichtlich das eigene Thema, wie es im Katalog präsentiert und von etlichen der Kuratoren aufgenommen wurde, nicht verstanden hat. Sein Statement, er wolle Ideen präsentieren und nicht Architekten ist nicht deckungsgleich mit common ground, verstanden als öffentlicher Raum (der von Architekten mitgestaltet wird). Auch sein Rumstottern, daß eine Architektin, die erfolgreich ist, trotzdem weiblich sei, ließ mich hoffen, daß niemand nachfragt.

Das Thema einer Biennale ist nur für den Hauptkurator, also für den Hauptpavillon der Giardini und für die Corderie im Arsenal verbindlich. Viele der nationalen Pavillons greifen das Thema aber auf oder dekorieren ihr eigenes Thema so um, daß es anscheinend in das offizielle Thema paßt. Es kann also bei der Vielzahl der Objekte und Projekte durchaus hilfreich sein, vieles an diesem Thema zu messen. So hat man zumindest schon mal eine Fragestellung, mit der man sich den Dingen nähern kann. Dass man dann vielleicht noch Anderes findet, ist ja nicht ausgeschlossen.

Common Ground - öffentlicher Raum - ist nicht nur eins meiner Lieblingsthemen, sondern auch ein heißumkämpftes Thema in der Stadt Venedig. Der Stadtumbau ist allgegenwärtig und da in der gesamten Werbung der Titel Common Ground im Stil der venezianischen Straßenschilder, der nisioeti (auch nizioeti, selten sing. nisioeto = kleines Laken) erfolgte, war ich sehr gespannt. Und wurde sehr enttäuscht.
Im Eingangsbereich der Corderie war ein Pozzo aufgestellt, Sinnbild schlechthin des öffentlichen Raums in Venedig. Jeder hatte das Recht auf Zugang zu Trinkwasser. Die Pozzi wurden nachts abgeschlossen, Verunreinigungen des Wasser schwer betraft, bei Trockenheit waren auch die privaten Zisternen, z.B. in den Klöstern, zugänglich.

Ergänzt wurde das Ganze (im Eingangsbereich) durch einen Pavillon zur kostenlosen Trinkwasser-Versorgung und einer Zeitung, die den common ground thematisierte. Ein Professor der ETH Zürich (sie wissen, sie sind die schönsten, schlauesten und informiertesten) hat darin verschiedenste Untersuchungen zum öffentlichen Raum in Venedig angestellt. Herausgekommen ist aber nichts. Es war eher so ein methodisches Fingerspiel. Einerseits war ein Teil der Fragen nicht geeignet für eine qualitative Befragung, andererseits hatte ich den Eindruck, dass als Interviewpartner vorrangig eher die Menschen gesucht wurden, die einen Platz aufsuchen, als solche, die ihn durchqueren oder an ihm wohnen. Was ja bestimmte Ergebnisse begünstigt. Alles sehr schön designt, aber ohne Egebnisse (nach meiner Meinung).
Deutscher Pavillon

Der deutsche Pavillon. Auch hier das Thema sehr schön visualisiert: Die Hochwassergestelle und -bretter von Venedig durchqueren den Raum, Sinnbild für die Nutzung de öffentlichen Raumes selbst unter schwierigen Bedingungen. Gleichzeitig tragen Sie die Beschriftungen der großformatigen Bilder. Das eigentliche Thema ist aber Wiederverwendung und Recycling, und so stehen im öffentlichen Raum vor dem Pavillion Mülleimer für getrennte Entsorgung. Innen gibt es stapelweise bedrucktes Recyclingpapier (in deutsch vergriffen, aber im Netz ...). Die gezeigten Projekte brachten weder in Bezug auf die Struktur des öffentlichen Raumes noch in Bezug auf seine Gestaltung neue Ansätze (nach meiner Meinung, allerdings habe ich mir nicht alles, was noch dazu im Netz steht, durchgelesen).

In den Corderien vermittelten die Architekten der Hamburger Elbphilharmonie mit viel Aufwand, dass für die unglaubliche Schönheit des öffentlichen Raumes Elbphilharmonie kein Opfer der öffentlichen Hand zu groß sei. Kaum ein Freund der Architektur, der von den großen Modellen nicht begeistert war.

Den italienischen Pavillion fand ich gar nicht so schlecht. Er ist ja sehr groß. Neben der Pflanzen-Geschichte gab es noch andere Projekte und eine sehr gute Ausstellung über Olivetti, der mit Ivrea einen ganzen Ort als Standort für seine Fabrik gestalten ließ. Aber nicht nur die Gestaltung der Fabrik war sein Anliegen, auch bei der Schule war er aktiv, bei der Stadtplanung und der Planung für die Wohnungen der Arbeiter. Schließlich hat er noch als Politiker kandidiert. Selbst wenn man besten Willen unterstellt, alles in allem ganz schön viel Macht über den öffentlichen Raum und daher auf dieser Biennale goldrichtig. Und ein Grund, mal wieder den Olivetti-Laden an der Piazza zu besuchen (von Carlo Scarpa entworfen).
Pavillon Korea

Von Jean Nouvel gab es einen Entwurf für Stockholm, der mir gut gefiel und im koreanischen neben dem deutschen Pavillon gab es noch ein tolles Video, auf dem eine Kreuzung ohne Gehwege zu sehen war, auf dem Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt waren und sich alle langsam und rücksichtsvoll bewegten.

Es gab natürlich noch viel mehr Bemerkenswertes. Die Projekte, die besonders konkret Beiträge zum Thema Common Ground leisteten, habe ich vor allem im Palazzo Bembo gesehen (bei Rialto), der sich zu einem guten Ausstellungsort gemausert hat.
Als letztes die von dir erwähnte Kirche San Lorenzo. Jaaaaaaaaaaaaaa, super, seit Jahrzehnten verschlossen. Ort der legendären Aufführung von Cacciari und Nono (+Renzo Piano). Endlich bin ich drin gewesen. Der Raum ist ein Hammer. Der Riesenkubus einfach quer geteilt mit einem riesigen doppelansichtigen Altar, davor die Ausgrabungen der Vorgängerkirche, die so seit den achziger Jahren liegen geblieben sind. Das ist nur etwa 25-30 Jahre nach der Redentore gebaut und so anders. Der Bereich der Mönche so groß wie der, der dem Volk zugänglich ist. Und die Mönche viel näher am Volk. Ich kann es mir gar nicht vorstellen. Hast du Infos darüber?
Im nächsten Eintrag, ich bin dran. Herzlichen Dank für Dein Mail!
Alle Fotos dieses Eintrags: Andreas Götz


24. November 2012

Kindergruppen und Barcodes


Nach endlosen Linklisten zur Architekturbiennale nehme ich mir das letzte Wort, denn ich war eben kurz vor Tores- und Jahresschluss ein paar Tage in Venedig. Aber eigentlich ist dem kaum etwas hinzuzufügen. 


Denn genau genommen ist das ja eine Fachveranstaltung, ich jedenfalls kann viele der Codes nicht entziffern, weder bildliche noch sprachliche, dazu fehlen mir einfach Kenntnisse, genauer, die Ausbildung. Eine Menge dessen, was geboten wird, ist an mich verschwendet. Andererseits: wie wollen wir dazu lernen, wenn wir uns nicht Überforderungen aussetzen die uns frustrieren und gleichzeitig staunen, grübeln, bewundern lassen? Und die Aktiven müssen damit leben, dass die KonsumentInnen nicht alle ihrer Bemühungen angemessen schätzen, sondern sich das pflücken, was ihren jeweiligen Bedürfnissen und Verwendungsmöglichkeiten entspricht.

Ich staunte: über die vielen Kinder- und SchülerInnengruppen (ich rede nicht von StudentInnen, die kann man wohl erwarten) im  Grundschul- und sogar Vorschulalter. Begleitet von offenbar gut vorbereiteten Pädagoginnen (kein großes I, es waren alle Frauen), die die Kinder zu ausgewählten Aus-
stellungen führten, zeigten, referierten, Fragen beantworte-
ten, während die Kinder NICHT herumflippten, sondern ebenfalls auf die Erfahrung vorbereitet schienen und interessiert und fokussiert waren. 




Nicht nur z. B. beim Wallhouse von Anupama Kundoo, einem 1:1 Gebäude, dessen Funktionalität und gleichzeitige Exotik junge Kinder leicht verstehen können, sondern auch z. B. bei der akkustischen Installation "Making the walls quake..." von Katarzyna Krakowiak mit komplizierter theoretischer Basis, bei der man wissen muss, welche Erklärungen vermitteln und welche das Interesse abwürgen können.  

Zum ersten Mal bei einer Biennale fiel mir ein Vaporetto "Biennale-VAP per scuole" auf, so ausgewiesen durch riesige aufgepappte blaue Folien, mit dem die Kindergruppen aus dem allgemeinen ÖPNV herausgehalten werden. Streßarmer Transport unterstützt einen Klassenausflug enorm und hält die Nerven der Kinderchen für anspruchsvolle Inhalte frisch. 

Exponat mir Barcode, nordischer Pavillon

Ich lernte: Kunst kann man heutzutage noch ohne Computerhilfe konsumieren, aber nicht Fachausstellungen. Noch gibt es an Wänden und Stellwänden klebende und von Decken hängende Erläuterungstexte. Der Trend aber sind Barcodes, befestigt an Exponaten, die sozusagen nur noch exemplarische, wenn nicht sogar symbolische, Funktion haben. Die eigentliche Information empfängt man per Smartphone über den Barcode, der direkt auf die dazugehörige Website führt, die man abspeichern und jederzeit an anderem Ort wieder abrufen kann. Das System ist praktisch, für viele mittlerweile im Alltag selbstverständlich, zwingt aber zum Erwerb und Einsatz eines Smartphones, was ich bisher überflüssig fand, da ich 24 Stunden täglich von Festnetztelefonen und Computern umgeben bin und zumindest auf dem Weg von einem zum anderen meine Ruhe will.

Russischer Pavillon, Barcodes

Die beiden oberen Räume des russischen Pavillons bestanden überhaupt nur aus Barcodes, Wände, Böden und Decken nur Barcodes, wer kein Smartphone besitzt, schnappt sich ein Tablet (Dutzende davon in einem Regal im Eingangsbereich, wo sie mit Energie betankt werden). Die Räume waren vollge-
stopft mit Jugendlichen wie eine Disco, die mit ihren Smart-
phones die Barcodes scannten und sich auf den winzigen Displays (oder den Tablets) die Hintergrundinformationen ansahen. Also bitte - ich finde das spannend und irritierend gleichzeitig. Spannend, immer neue Technologien zu nutzen im Lauf der letzten 20 Jahre, irritierend die vorbeirauschenden technologiegestützen Informationsmassen, bei gleichzeitiger Behauptung, ohne Technologie gäbe es keine Kommunkation mehr. 


Griechischer Pavillon

Bei den nationalen Ausstel-
lungen gab es Fröhli-
ches (Hänge-
matten und Gitar-
ren in Brasilien); Duftendes (Beispiele für Holzbau in Finnland); Ödes (Italiens riesige Halle voller Baumarkt-Farne, denen es nicht gut ging); Rätselhaftes (Kuwaits leere Halle mit fast unleserlichen Projektionen von Stadtplänen auf dem Boden, bis oben akustisch aufgefüllt mit dem männlichen Stimmengewirr eines vollen Souks)
; Spannendes (albanische Denkmalschutzarbeit im Palazzo Zorzi in Castello); Ärgerliches (die Ausstellung Luxemburgs in der Ca' del Duca 2 x aufgesucht und geschlossen gefunden); Zauberhaftes (Taiwan und seine "Geographie der Aufklärung" im Gefängnispalast neben der Seufzerbrücke); Respekt (die Restaurierung der Kirche S. Lorenzo durch den Staat Mexico). Mehr zu diesem Projekt im nächsten Eintrag.

Foyer de Taiwan im Palazzo delle Prigioni


Sehr interessant: Abschlussinterview mit David Chipperfield am 23.11.2012


10. November 2012

Tizians Haus

Die Werke des Malers Tiziano Vecellio sind überall in Venedig zu bewun-
dern, z. B. in der Ac-
cademia (z. B. sein "Tempel-
gang" und seine er-
greifende "Pietá"), im Dogenpalast und in vielen Kirchen (z. B. in der Jesuitenkirche an den Fondamente nove sein dramatisches "Martyrium San Lorenzos" oder in der Frarikirche seine "Assunta" und "Madonna des Hauses Pesaro").
Wenn man will, besucht man noch sein Grab in der Frarikirche, sehr pompös, aber sein Wohnhaus ist kein Ziel von Wallfahrten und kommt, im Gegensatz zu Tintorettos Wohnhaus, in Reiseführern nicht vor.
Hugh Douglas, dessen Buch 'Venice on Foot' von 1906 ich schon mal durch die Gassen folge, schreibt sogar "Als Tizian hier lebte, war zwischen dem Haus und der Lagune nur der Garten (weshalb die schöne Aussicht immer erwähnt wird), jetzt ist die Gegend ein Labyrinth von Slums, schwerlich einen Besuch wert." 



Tizians Gässchen, Richtung Norden, sein Haus rechts

Trotzdem geht es hier um dieses Haus. Denn die derzeitige Besitzerin, ein briti-
sches Ex-Model, findet Medienaufmerksamkeit für ihr Gejam-
mer, dass sie wegen der EU-Krise die 1,6 Millionen € (brutto 1,95 Mio.) nicht bekommt, die sie dafür haben möchte. 


Donnerschlag! Die Gegend ist zwar kein Slum-Labyrinth mehr sondern ein Wohnviertel, gespickt mit Handwerksbetrieben orientiert am nahen Friedhof (Grabsteine, Särge, Glaslampenschirme...). Aber es handelt sich um ein eher kleines Haus (150 qm) in einem Sackgässchen, mit Hintergärtchen (150 qm) ohne Aussicht auf die Lagune, geschweige denn die Alpen. Das wesentliche Verkaufs- bzw. Preisargument ist der berühmte Vorbesitzer. Eines der vielen Beispiele für den venezianischen Immobilien-Wahnwitz, scheint mir, und ich habe ein bisschen zu Tizians Haus recherchiert und auf der Seite der Universität Heidelberg einen Text dazu gefunden, der mir gefällt: 

Tizians Gässchen, Richtung Süden, Tizians Haus links





 


Tizians Heimwesen
(Growem J. A. und Cavalcaselle, G. B.: Tizian: Leben und Werke, Bd. 2, Leipzig 1877, S. 407 ff.)
Noch viele Jahre nach Tizian's Niederlassung in Venedig war der nordöstlichste Saum der Stadt spärlich angebaut. Wer damals eine Fahrt nach der Villenstadt Murano machte, fand beim Austritt aus dem Canalgewirr bei S. Apostoli, S. Canziano oder S. Giovanni e Paolo Landstreifen mit grünen Feldern bedeckt oder Sumpfstellen und Gartenanlagen. Der lange öde Quai der heutigen Fondamenta Nuova bestand noch nicht; wer in der Nähe von S. Maria de' Miracoli hauste, galt schon halbwegs als Landbewohner. Für den Freund malerischer und ungestörter Häuslichkeit hatten die nördlichen Lagunenufer Reiz genug. Hier lag die Wasserfläche offen und der Blick schweifte ungehindert nach Murano hinüber; dahinter erhoben sich über em Flachlande bei Mestre die Hügel von Ceneda, durch deren Sättel hindurch man die Cadoriner Alpen erblickte; hier gab es frisches Grün und Bäume, überhaupt einen ganz andern Zustand als zwischen den Palastwänden des grossen Canals oder in der kellerigen Dämmerung des Wassernetzes der Volksstadt.

Das Haus bei S. Samuele, welches Tizian in der Zeit von 1516 bis 1530 bewohnt hatte, lag im Herzen der Stadt, dicht am grossen Canal, gleich weit vom S. Marco und vom Rialto entfernt. Im Jahre 1531 gab er dieses Quartier auf und zog in den nordöstlichen Stadttheil. Der Miethsvertrag über die Wohnung, die noch heute existiert, war unterm 1. September abgeschlossen; die Lage derselben wird darin bezeichnet: in der Contrada oder  Pfarrei S. Canziano in Biri. Als das Haus im Jähre 1527 von dem Patrizier Alvise Polani  erbaut worden war, hiess es die „Casa Grande" und stand nicht hart an der Lagune, sondern durch Gärten davon getrennt, das Erdgeschoss war an verschiedene Pächter abgegeben, die ihren besonderen Eingang hatten, in das obere Stockwerk, welches aus einem grossen Wohnraum und etlichen kleineren bestand und eine Terrassen-Loggia hatte, gelangte man mittelst einer Treppe vom Garten her. Man begreift wohl, dass sich Tizian hier, wo ihn bei klarem Morgenlicht die Berge seiner Heimath grüssten und wo der Lärm des Hafens und des Marktes nicht hindrang, behaglich fühlte. Nachdem er den ersten Miethsvertrag wiederholt  erneuert, pachtete er 1536 die ganze Casa Grande und erwarb endlich im Jahre 1549 das gesammte Grundstück, das sie einschloss. (...)  Wir wissen, dass Tizian im Lauf der Jahre seine Heimstätte sehr verschönerte und den Garten an der Wasserseite ausbaute, sodass dort ein traulicher Winkel entstand, wo gute Gesellschaft gern verkehrte und gern gesehen war.


Wer heute das Haus Tizian's besuchen will, stösst auf erhebliche Schwierigkeiten. Noch vor etlichen Jahren war es zugänglich . Die Verfasser haben es eingehend geprüft, obgleich es schon damals unmöglich war, die ursprüngliche Eintheilung der Räume sich klar zu machen, da ihr Aussehen durch Zwischenwände und Uebertünchungen verändert ist. Die Freitreppe vom Garten her sowie der Altan sind abgetragen und das Haus, das ehedem einzeln dastand, verschwindet alhnälig in dem öden Einerlei der Strassenzeile. Wir fanden bei dem Eintritt durch die ehemalige Loggienthür eine Innentreppe, die zu dem einst von Tizian bewohnten Geschoss hinanführt. Das sehr grosse Hauptzimmer war an der Nordseite in mehrere kleine Räume getheilt. Der Blick auf Murano ist jetzt nur noch durch die Calle Colombina offen.

Auch Gilbert gibt in seinem Buche über Cadore eine sehr melancholische Auskunft über das Tusculum Tizian's: „Wenn der Gondelführer den Theil der Pfarrei von S. Canziano, der Bin heisst, mit Mühe gefunden hat und endlich sogar in das Stückchen von Biri eingedrungen ist, welches den Namen Campo Tiziano führt, steht man in einem engen Gehöft, welches an der einen Seite von einer Reihe neuer Häuschen begrenzt wird  und dessen Abschluss ein Gartenthor mit der Nummer 5526 bildet. Wem  es gelingt, dort einzudringen, der thue es nur; wenn nicht, dann möge er sich an den gefälligen Handwerker wenden, welchen ich in einem der grossen die Gartenmauer überragenden Hause fand.

Aber der Blick aus der Wohnung dieses Mannes beweist nur, dass von alle dem, was Tizian ehemals um sich sah, fast nichts mehr vorhanden ist. Nur das steinerne Gesims existiert noch, das rund um das eigentliche Haus und längs der ganzen Flucht der Nachbarhäuser hinlaufend uns andeutet, dass dieser Complex ehemals eine einzige Behausung gewesen ist, in deren oberem Stocke sich das geräumige Atelier des Meisters  befand. Seit jener Zeit aber ist der Ausblick, den man damals über Land und Wasser hatte, erbarmungslos  durch Neubauten verbarrikadiert, zu denen auch die Wohnung jenes Handwerkers gehört, die zwischen dem Garten und dem Strand sich erhebt, wahrscheinlich also einen grossen Theil von Tizian's Gartenanlage bedeckt, die den Beschreibungen nach sehr ausgedehnt gewesen sein muss, da sie nachweislich bis an's Wasser reichte.
Der Weg zu Tizian's Hause fuhrt jetzt von der Kirche S. Canziano durch die Calle Widman zum Campo  Rotto.


Oder: von der Haltestelle Fondamente nove in die Calle dei Buranelli, weiter geradeaus in die Calle del fumo, rechts in die Calle del volto, rechts in die Corte della Carità, links vorbei an der winzigen Osteria alla Frasca und geradeaus auf den Campo Tiziano. Alles winzige Gassen, z. T. nur ein paar Meter. 
(Das A auf Karte bezeichnet genau Tizians Haus)


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1. November 2012

Kranichzeit

Seit gut 25 Jahren lebe ich in der Flugschneise der Kraniche. Ich habe mich daran gewöhnt, den Wechsel der Jahreszeiten mit ihrem Flug zu verbinden und verpasse sie nie. Einerseits weil sie in mehreren Kontingenten an verschiedenen Tagen fliegen, andererseits weil sie während des Flugs schreien. Auch bei geschlossenen Fenstern sind sie nicht zu überhören, und  bei Nachtflügen holen sie mich sogar aus einem leichten Schlaf.

Ich hatte schon befürchtet, sie in diesem Jahr verpasst zu haben. Aber letzten Samstag kamen sie, ein bisschen später als sonst im Oktober, nicht nur ein paar der üblichen Reisegruppen, sondern viele aufeinanderfolgende Verbände, viele Hunderte von Kranichen innerhalb einer guten Stunde. Keine Ahnung, wie dieser riesige Exodus zustande kam und wieso die Route (zumindest hier in Bonn) mehr süd-süd-westlich als normalerweise südwestlich war.

Ich habe deshalb ein bisschen im www gesucht und überraschend einen schönen Kranichflug über Venedig gefunden. Allerdings einen Frühlingsflug von Süden nach Norden. Einen guten Winter allerseits wünsche ich.



(Auf Vollbildmodus geklickt stört die Googlewerbung nicht den Blick auf Venedig.)


Ergänzung 17.12.2012

Per Mail, nicht als Kommentar, erhielt ich diesen Beitrag, für den ich mich herzlich bedanke und mit Erlaubnis des Schreibers teilen möchte:


...wunderschön der Film mit den Kranichen über Venedig. Sie wissen schon, dass es in San Marco ein Mosaik im Vorraum gibt mit Noahs Arche, in dem auch Kraniche vorkommen? Also können Sie da mal Ihre Lieblinge bewundern. Dazu ein Foto sowie ein Zitat von Farley aus dem Jahr 1917 über die Vogelwelt in San Marco, speziell die Kraniche.

Farley, ornithology at St. Mark's 1917
Conspicuous by reason of their stature in the crowd of birds of the Ark's door stand the Cranes. These are the common European species Grus grus. The blue, long-legged wader lack the details of their colour-plan. Yet the white stripe running down the side of the neck appears; while more important still the touch of red on top of the head, indicating the semi-naked crown of Grus shows that the artist was at least aware of this most diagnostic as well as striking external of the Crane.
Kraniche im Mosaik in S. Marco