27. August 2016

Toiletten in Venedig? Notdürftig!

Venezianische Improvisation: Baby wickeln auf dem Campo S. Polo
Seit ein paar Tagen findet wieder einmal das Thema des Gassenpinkelns das Interesse des venezianischen Publikums. Presse und social media zeigen das Bild einer Frau von hinten, entblößt, gereckt und im Begriff öffentlich ihre Notdurft zu verrichten. Das Foto stammt angeblich von einem Gondoliere, der die Frau angeblich auf ihr unangemessenes Verhalten ansprach und die daraufhin angeblich auch noch auf englisch beleidigend wurde. Alles an dieser Geschichte ist unsäglich - die öffentlich pinkelnde Frau, der fotografierende Gondoliere, die Schamlosigkeit beider Personen und ihre sicher doppelt misslungene Kommunikation. Deshalb kein Link zu dieser Geschichte.

Die venezianischen Medien sehen das etwas polarisierter - die respektlose Touristin, das heilige Venedig missbraucht als 'latrina', als 'vespasiano', und der Einheimische, dessen Verhalten keiner Kritik bedarf. Er ist ein Verteidiger. Die Kommentare des Publikums zum Pinkeln meist verächtlich und gehässig, die Wortmeldungen der Tourismusbehörde zum Thema beschwichtigend und gleichzeitig den Respekt der TouristInnen, Recht und Ordnung einfordernd.


Das Pinkelproblem kennt man auch anderswo,
nimmt es aber nicht so persönlich

(Quelle: Notes of Berlin)

Seit Jahren kennen wir das in den Sommermonaten, und was das Pinkeln betrifft, scheint es immer um Frauen zu gehen. In Kanäle oder in Ecken pissende Männer kommen eher nicht vor, dafür gibt es Berichte (gerne mit Kurzvideo) über respektloses Baden hemmungsloser junger Männer in heiligen venezianischen Kanälen. Letzteres kann man gut lassen, aber der Gang zur Toilette ist unverzichtbar. 

Es gibt auf der neuen Website der Comune Venezia leider nur sehr alte statische Daten (warum?) zu BesucherInnenzahlen. In den Medien variiert die Zahl von 10 mio bis 22 mio/Jahr, eine beachtliche Differenz. Ich gehe mal von 50.000 BesucherInnen pro Tag (so viele wie derzeit noch EinwohnerInnen im Centro Storico!) aus. Wie viele öffentliche Toiletten sollten für solche Menschenmassen zur Verfügung stehen? Keine Ahnung, aber Vermieter von mobilen Sanitäranlagen rechnen für Großveranstaltungen so: 

http://www.toilettenvermietung.de/menge.pdf
http://www.druenkler-wc.de/content/service/service_wieviele.htm

Davon kann natürlich in Venedig keine Rede sein. 
Tatsächlich gibt es 14 öffentliche Toiletten - auf der Karte von Venice Wiki fehlen je eine Einrichtung auf den täglich überlaufenen Inseln Burano und Torcello, sind aber auf der Karte der Stadt bzw. des Dienstleisters Veritas notiert. Die einzige öffentliche Toilette auf dem Lido, hinter der Kirche S. M. Elisabetta versorgt eigentlich nur die Fahrgäste der zentralen ACTV-Haltestelle.
(Es gibt im Bereich der
Kreuzschiffahrtanleger weitere 7 Sanitärangebote, die aber nur auf dieser Reiseveranstalterseite auftauchen und vermutlich nur für Schiffspassagiere sind.)
Für die Versorgung von Kleinkindern sind eingerichtet die öffentlichen Toiletten Piazzale Roma, Rialto Novo, San Bartolomeo, San Marco, Bragora, Burano, Torcello und Tronchetto.
Ausdrücklich barrierefreie Toiletten listet die neue Website der Stadt unter dem Menüpunkt "Venezia accesibile" nicht auf. Zwar sind unter "Itinerari senza barriere" die "WC" eingetragen, es fehlen aber Hinweise, ob die Sanitärräume für alle Arten körperlicher Einschränkung zugänglich sind bzw. für welche nicht. Wäre aber im Zweifelsfall eine wichtige Information.
Dazu kommt, dass die öffentlichen Toiletten frühstens 7:30 Uhr öffnen und spätestens um 20 Uhr schließen. Danach ist man auf Gaststätten und Bars angewiesen, die ihrerseits 2 Stunden später schließen, oder verzieht sich zu einer anständigen Zeit ins Hotel. Liste:


Toilette Piazzale Roma
Indirizzo: Ramo Cossetti 456/A
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Tronchetto
Indirizzo: Isola Nuova del Tronchetto
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette San Bartolomeo
Indirizzo: San Marco 5404
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 8 alle 20
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette San Leonardo
Indirizzo: Cannaregio 1586/A
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 7.30 alle 19.30
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Rialto
Indirizzo: San Polo 551
Orari: Tutti i giorni dalle 7 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette San Marco – Calle Ascension
Indirizzo: Calle Ascension 1265
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 20
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Accademia
Indirizzo: Dorsoduro 1050
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Bragora
Indirizzo: Castello 4053/54
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 10 alle 19. Chiuso dal 10 Novembre al 31 Gennaio
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Murano
Indirizzo:Fondamenta Serenella
Orari:Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 18
Servizi: Uomini / Donne / Disabili
Toilette Burano
Indirizzo: Rio Terà del Pizzo 32
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Toilette Torcello
Indirizzo: Vicino al Museo e alla Basilica
Orari: Tutti i giorni dell’anno dalle 9 alle 19
Servizi: Uomini / Donne / Disabili / Fasciatoio
Veritas Spa - Piazzale Roma, Santa Croce 489, 30135 Venezia
Call center 800.466466 (da telefono fisso) - dalle ore 8.30 alle ore 18.00
Call center 199.401030 (da telefono mobile) - dalle ore 8.30 alle ore 18.00
Fisso  +39 041 7291150
Web. www.gruppoveritas.it

Alle diese Informationen (Pläne, Adressen, Öffnungszeiten) gibt es auch auf einer App fürs Smartphone, kostenlos herunterzuladen.
Die Kosten sind kein Pappenstiel: 1,50 € pro Nutzung. Online kann man Tageskarten für die Toilettennutzung für 3 € buchen, die aber nicht flatratemäßig funktionieren, sondern jede einzelne Toilette kann man nur 2 x pro Tag nutzen. Damit sollen wohl die erleichterungsbedürftigen Massen schön rundum in der Stadt verteilt werden. Übrigens sind in Paris, London, Kopenhagen öffentliche Toiletten kostenlos, in Amsterdam kosten sie 0,50 €. Kann sich das arme Venedig nicht leisten.


(C) Weichmann

Wer glaubt, diese knappe Versorgung mit öffentlichen Sanitäreinrichtungen läge am fehlenden Raum in Venedig, irrt. Gleiches Ding in Mestre ohne die Bedingungen des centro storico: 1 einzige öffentliche Toilette seit Dezember 2015, Pinkelei in Gassen und Ecken (und keineswegs von ungezogenen respektlosen TouristInnen). 
Und wer darüber hinaus glaubt, dass sich mit Toiletten kein Geschäft machen ließe (die Vorbedingung aller Aktivitäten in Venedig), irrt ebenfalls, glaube ich. Ich rechne mal sehr grob: 
1 Toilette 12 x genutzt/Stunde = 18 €
10 Toiletten in 1 Anlage/Stunde = 180 €
1 Anlage pro Tag (10 Stunden) = 1.800 €
14 Anlagen pro Tag = 25.200 €
14 Anlagen pro Jahr (365 Tage) = na?
Sehr schlicht kalkuliert, und nur die Einnahmen, aber es bleibt sicher ein guter Gewinn für Veritas übrig. Wieso investiert niemand in alte Gebäude, die sich NICHT mehr als Wohnräume eignen (oder Hotels oder Department Stores etc.) und baut die Infrastruktur für sehr ordentliche Sanitärservices auf? (Denn von der Qualität der existierenden öffentlichen Toiletten ist in diesem Blog nicht die Rede, hier geht es um Quantität angesichts des Gassenpinklerproblems.) Mit qualifizierten Kläranlagen und vielleicht entlang der Routen des ÖPNV? Müsste sich doch längerfristig als Dienstleistungsgeschäft rechnen...


Bis es soweit wäre/sein könnte, hier einige Tipps für derzeitige Notmaßnahmen:


  • Rechne in Venedig grundsätzlich für jeden Toilettengang außerhalb des Hotels mindestens 1,50 € ein. Die meisten Bars, von denen es viele gibt, haben einen Espresso oder ein Wasser zu diesem Preis. Ob du das trinkst oder nicht - das ist der Preis für die Nutzung der Toilette. Man kann dabei reinfallen und eine unappetitliche Toilette finden, kein Papier etc. - deshalb ist eine genügende Menge Zellstoff in der Tasche in Venedig unabdingbar. Falls man nicht die Zeit hat, die Bar zu wechseln.
  • Öffentliche Gebäude mit Publikumsverkehr verfügen über kostenlose Sanitärräume. Während der Geschäftszeiten. Wenn dir das neu ist, probiere es in deiner Stadt aus - Rathäuser, Behörden aller Art, Universitäten, Volkshochschulen, Bibliotheken... selten wird dich jemand aufhalten. Einfacher Standard, keine unangenehmen Überraschungen. Solche Gebäude sind leicht an den entsprechenden Schildern (Kraftfahrzeugamt, Amtsgericht etc.) zu erkennen. Das geht genauso woanders, z. B. in der schönsten Stadt.
  • Ebenso verfügen alle Museen (auch davon gibt es viele in Venedig) natürlich über Toiletten, auch hier einfacher Standard, keine Überraschungen. In einigen Museen liegen sie sogar VOR dem Bereich, für den man Eintritt bezahlt (wenn ich mich recht erinnere, z. B. Ca' Rezzonico, Ca' Pesaro, Museo Palazzo Grimani). Wenn Du eine Sammelkarte hast (z. B. für die städtischen Museen), noch besser eine "Friends"-Karte (kommt nur in Frage für häufige Venedigbesuche), kommst du sowieso kostenlos in den Eintrittsbereich und kannst die Toiletten nutzen. Wenn du ohnehin ins Museum willst, gut. Es kann aber auch sein, dass die gesammelten Ermäßungen für eine Gruppe/Familie für ein Museum, das ganz zu sehen du/ihr gar nicht plant, sich als günstige Sanitär- und Erfrischungspause für eine ganze Gruppe/Familie rechnet. Das ist die gleiche Kosten-/Nutzenrechnung wie bei der Bar.
  • Es gibt auch Ausstellungsräumlichkeiten mit guten Toiletten, sogar kostenlos (z. B. Stanze del Vetro auf S. Giorgio Maggiore, Spazio Luis Vuitton, Scuola Grande della Misericordia). Und es gibt die Biennale-Venues in der Stadt, die längst nicht alle Toiletten anbieten, dafür aber manchmal ungewöhnliche oder gepflegte oder duftende - wer auf der Suche ist, kann hier fündig werden plus Überraschungen erleben.
  • Vorsicht ist geboten, wenn man auf die (kostenlosen) Toiletten in der Tesa 5 des Arsenale Novissimo (Haltestelle Bacini) in der Nähe der dort angesiedelten Bar spekuliert. Die sind häufiger defekt als intakt. Wenn nicht in einer der benachbarten Tese oder in der Torre della porta nova eine Ausstellung läuft und die dortigen Toiletten benutzbar sind, ist nur per Vaporetto eine Alternative zu erreichen, z. B. an den Fondamente Nove oder am Lido. Oder ganz schnell ein Baum/ein Gebüsch im Gelände. Oder die Lagune.



Toilettenstimmung unterm Dach  für eine Biennale-Nebenausstellung
Nachtrag 30.8.:
Am 28.8. inszenierten StudentInnen der Universität Padova einen ironischen Flashmob zum venezianischen Toilettenmangel und den stolzen Preisen. Aha! Auslöser dafür waren auch die einseitigen Medienäußerungen, die TouristInnen pauschal als unzivilisiert und primitiv bewerten. Die Firma Veritas veröffentliche eine Pressemitteilung mit Gejammer über die Schwierigkeiten, öffentliche Toiletten zu betreiben und neu einzurichten in einer heiklen und besonderen Stadt (delicata e particolare).
Ich finde, das lässt hoffen. Wir haben immerhin schon mal darüber gesprochen...

Nachtrag 12.1.2017:
Die seit 2015 geschlossenen Sanitärräume im Uferpark Pineta S. Elena sind seit heute wieder geöffnet. Das ist toll, vor allem für Kinder und Freizeitsportler*innen. Haltestelle S. Elena.

Nachtrag 13.4.2017:
Auf der neuen Website der Versorgungstechnikfirma Veritas von wurde ein Informationsmedium für die öffentlichen Toiletten, luxuriös mit Fotos und zweisprachig italienisch-englisch, eingerichtet. Als Beispiel hier die Seite für die neu eröffneten Toiletten am Campo della Bragora. Ein guter Service, Internetverbindung vorausgesetzt.

Diese Karte kann auf der o. g. Website heruntergeladen werden.
Ein übersichtliches Angebot - 12 öffentliche Veritas-Sanitärräume
inkl. Inseln. Für ca. 50.000 Besucher*innen täglich.



.

21. August 2016

Fondaco dei Tedeschi spielt demnächst auf dieser Bühne

März 2016
Am 30. September soll der neue Luxusmarkt DFS (Mieter des Betreiberkonzerns lvmh) im Fondaco dei Tedeschi eröffnet werden. Die Information ist über 2 Monate alt, sie wurde nicht wiederholt und nicht dementiert, aber meine Hand ins Feuer legen würde ich für die Richtigkeit nicht. Vielleicht wird es auch Oktober...

Ich hüte mich in den letzten Monaten, den Fuss in die Nähe des Baustellenkessels am Rialto setzen. Neben der Renovierung des Fondaco dei Tedeschi (siehe auch Einträge zum Label Fondaco dei Tedeschi) wird auch der Palazzo dei Camerlenghi in diesem Jahr wieder nutzbar sein; die Rialtobrücke selbst (siehe auch Einträge Label Rialto) soll 2017 fertig gestellt werden.  Bis auf Weiteres fahre ich also daran vorbei und nutze je nach Bedarf die Haltestellen Ca' d'Oro, Rialto Mercato, S. Silvestro oder S. Angelo. 

Ich habe wie die meisten von uns das Ergebnis der Umgestaltung zum 'Department Store' (also schlicht das alte Wort 'Kaufhaus'; was ist aus dem Begriff 'Mall' geworden, der einem - plop - aus dem Mund fällt?) bisher nicht mit eigenen Augen gesehen. Dafür erstmal Links für diesen Eintrag gesammelt, denn ohne eigene Anschauung sollte man vorsichtig sein mit Geschmacksäußerungen. Dank der Website des ausführenden Büros OMA und der Ende Mai gestarteten Medienkampgagne gibt es genügend neue Bilder, die offensichtlich zusammen mit einem Pressetext (der gleiche wie auf der Website?) in die Welt gepustet wurden. Sie landeten etwa gleichzeitig in Tages-, Wochen-, und vor allem Fach- und Hochglanzblättern bzw. -netzseiten und die Ergebnisse sind quasi identisch. Überall die gleichen Fotos, überall die gleichen Textbausteine bzw. Stichwörter. 


Markuslöwe über dem Hauptportal des Fondaco dei Tedeschi

Unvollständige Sammlung von Beispielen:
Kann es sein, dass nicht einmal die Fachpublikationen die Chance zu einer kritischen Recherche und Stellungnahme nutzen, sondern ohne Ambitionen frei Haus gelieferte Pressetexte und Fotos veröffentlichen? Ist die Medienkampagne so überzeugend, ist das Büro OMA so einflussreich? Wiegt die Kosteneinsparung schwerer als der redaktionelle Standpunkt?

Es gab aber auch einige Beiträge (und ich habe alle Texte der hier veröffentlichten Links gelesen), die sich nicht allein auf den fertigen Text und den professionellen Eindruck der gelieferten Fotos zu verlassen schienen: 

März 2016

Der Beitrag des Deutschlandradios ist ein Jahre alter Artikel aus dem Archiv, versehen mit einem neuen Datum und ohne aktuellen Bezug. Also bitte!

Der Beitrag von ArchDaily bringt als einziger ein Interview mit einem der verantwortlichen Architekten (Ippolito Pestellini Laparelli), bei dem mich die sachkundigen und kritischen Fragen des Autors Vladimir Gintoff deutlich mehr beeindrucken als die Einlassungen des Interviewten. Denn der liefert wieder die bekannten Textbausteine, die vorgeformten Medienhäppchen, die sprachliche Selbstdarstellung des Architekturbüros OMA. Trotzdem ist das Interview wirklich erhellend, ich empfehle sehr, ihn zu lesen; es beleuchtet außerdem, was an den scheinbar eigenständigeren Beiträgen der AutorInnen in Frame, BauNetz, SZ und FAZ selbst gedacht und was auch nur übernommen wurde. 

Und ich finde: diese Beiträge drücken sich um einen kritischen Standpunkt herum, indem sie den von OMA behaupteten permanenten Wandel durch immer neue bauliche Veränderungen, das sogenannte "Palimpsest", zu einseitig überdenken. Denn dieser 'permanente Wandel' ist das Feigenblatt der Rechtfertigung vor den italienischen Denkmalschutzgesetzen. Und die deutschsprachige quasi akademische Diskussion des angeblich objektiven Mangels von authentischen Strukturen, der jahrhundertelangen permanenten baulichen Eingriffe, der deshalb paradoxen Legalität des Denkmalstatus ist ein Reinfall aufs Marketingkonzept.

Dass die erneuten (und aus dem Interview von ArchDaily zu lesen: nicht revidierbaren) baulichen Eingriffe - trotz Denkmalstatus des Fondaco dei Tedeschi! - die einzig denkbare Bestätigung der historischen wechselnden Bauzustände eines 500 Jahre alten Gebäudes sei, kann man aus meiner Sicht nicht ernsthaft als denkmalorientieres architektonisches Konzept verkaufen, denn welches Gebäude in Venedig wurde in den letzten 1000 Jahren nicht wiederholt verändert, abgerissen, halb abgerissen, der Gotik, Renaissance, dem Barock angepasst, neu gebaut, umgenutzt, aufgestockt, verbrannt, erweitert, verschönert, konvertiert, längerfristig nicht genutzt, aus Ruinen wieder hochgezogen? 

Ganz Venedig ist so gesehen ein 'Palimpsest'. Für mich ist das allerdings kein zulässiger Begriff im Zusammenhang mit einer anderhalbtausendjährigen Stadtentwicklung. Eine sehr schlichte Metapher statt Geschichtsbewusstsein und Respekt vor dem historischen Erbe! 

 Bauentwicklung Rialto 950 bis jetzt  (auf YouTube aufrufen per Klick auf den Text oben links)
Dank an K. H. für den Hinweis auf Venice Time Machine.

Nun, angesichts von 500 Jahren Fondaco dei Tedeschi: auch sein derzeitiger "historischer Bauzustand" wird eines Tages Geschichte sein, es werden neue bauliche Eingriffe kommen. Schon Form und Farbe der Rolltreppen, Ausdruck eines vorübergehenden Geschmacks, werden in wenigen Jahren nicht mehr 'luxuriös' wirken. Für die Dauer der Nutzung als Warenhaus muss im Gewinninteresse der Verkehr im Gebäude beschleunigt werden, gut, und die Dachterasse, angekündigt als offen und frei zugänglich für alle, ist der im Moment wunderbarste Kundenköder in das Gebäude, den man sich denken kann. 

Aber wer weiss, wer oder was nach unserer Zeit kommt;  in 50, 100 oder 150 Jahren dort seinen Raum hat? Eine große europäische, mehrsprachige integrativ-kooperative Universität? Die zentrale europäische Verwaltungsbehörde für Einwanderung oder die Stelle zu Beobachtung und Koordination internationaler Bevölkerungsbewegungen? Im Moment sieht es eher danach aus, als würde in den nächsten 50 Jahren jedes Bett in Venedig ein Gästebett und die Stadt das Traumziel für asiatische Reisegruppen bzw. wohlhabende Familien, mit entsprechenden Versorgungs- und Servicestrukturen. (Auch bei der Rekrutierung für Verkaufs- und BeratungsmitarbeiterInnen für den Fondaco dei Tedeschi gehörte Mehrsprachigkeit zum Profil, neben englisch bevorzugt mandarin, russisch, japanisch, koreanisch.) 
Ich wünsche mir: keine Luxusbude, die kein/e VenezianerIn zum Leben braucht. Und die TouristInnen finden das Warenangebot im neuen Fondaco dei Tedeschi in jedem asiatischen Duty Free Shop. Für die Nutzung eines alten Gebäudes im Interesse der jeweils lebenden und arbeitenden Menschen genügt seine sorgfältige Instandhaltung inklusive aller historischen baulichen Veränderungen zum Besseren oder Schlechteren. Ich hoffe sehr, in 150 Jahren hat Venedig (sprich die Bürgerschaft) genug Humor, um über die OMA Umgestaltung nachträglich zu lachen, und ist so gefestigt in jeder Hinsicht, dass es auf "Transformationen" gegen seine eigenen Interessen entspannt verzichten kann.   

Nachdem schon vor Monaten das Aussengerüst abgebaut wurde, und ein still gehegter Wunschtraum augenscheinlich nicht in Erfüllung ging, kann ich ihn ja jetzt einräumen (im anderen Fall wäre "...genau das hatte ich mir vorgestellt...!" zu prahlerisch gewesen, um damit nachträglich rauszurücken):


Wäre es nicht eine Überlegung wert gewesen, die Süd- und Westfassade wie beim Wiederaufbau mit Malereien zu gestalten? Hat niemand daran gedacht? Nach dem Brand von 1505 beeilte sich bekanntlich die Serenissima, den Handelshof der deutschsprachigen Kaufleute schnell wieder aufzubauen. Schon 1508 war das neue Haus voll funktionsfähig. Zur Wahl sowohl Arbeitszeit sparender wie auch maßvoller Mittel gehörten nicht Verkleidungen aus istrischem Stein oder Marmor, sondern eben Fresken, deren kurze Lebensdauer in der venezianischen Salzluft bewusst in Kauf genommen wurde. Der junge Giorgione und der noch jüngere Tizian übernahmen den Job, ersterer die Südseite zum Canal Grande, letzterer die Westseite zur Gasse mit dem Haupteingang. 


Canaletto, Fondaco dei Tedeschi (Detail)
Auf dem Werk des 18. JHs sind die Fresken Giorgiones
an der Canal Grande-Seite noch schwach sichtbar.

Giorgio Vasari schreibt in seinen Künstlerbiographien ('Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten') bei der Biographie Giorgiones: 


"Im Jahre 1504 brach zu Venedig im Lagerhaus der Deutschen am Ponte del Rialto ein furchtbares Feuer aus, das jenes und alle Waren zum großen Schaden der Kaufleute zerstörte. Die Signoria von Venedig gab den Befehl, dass man es neu erbaue; es wurde mit bequemeren Wohnungen, mit größerer Würde und Pracht und schöner schleunigst erbaut. Giorgione, da dessen Ruf immer mehr gestiegen war, wurde dabei zu Rate gezogen und erhielt von dem Bauverweser den Auftrag, es in bunten Farben in Fresko zu bemalen, ganz nach eigenem Gefallen, wenn er nur sein Talent dabei kundgebe und an diesem schönsten und am meisten gesehenen Ort der Stadt ein hervorragendes Werk ausführe. Er legte Hand daran und malte, als Beweis seiner Kunst, lauter Phantasiegestalten; und tatsächlich findet man weder eine Folgerichtigkeit von Bildern, noch einzelne Begebenheiten aus dem Leben berühmter Personen des Altertums oder der neueren Zeit; ich für meinen Teil habe es nie verstehen können und auch auf meine Frage nach der Darstellung niemand gefunden, der es verstanden hätte. Denn hier ist ein Mann, dort eine Frau in verschiedenartigen Stellungen; neben dem einen sieht man ein Löwenhaupt, nebem dem anderen einen Engel, dem Cupido ähnlich, aber man weiss nicht, was es sein soll. Über dem Hauptportal nach der Merzeria zu ist eine Frau sitzend abgebildet, zu ihren Füßen ein Riesenhaupt, fast nach Art einer Judith; sie hebt den Kopf mit dem Schwerte empor und spricht zu einem Deutschen, der weiter nach unten steht. Weshalb diese Figur hier dargestellt ist, konnte ich nicht deuten, wenn er nicht eine Germania machen wollte. Im Ganzen erkennt man sehr wohl, dass die Figuren gut beisammen sind und dass Giorgione immer besser wurde, Köpfe und einzelne Teile der Gestalten sind gut gezeichnet und sehr lebendig koloriert, auch mühte er sich überall, die lebendigen Dinge gut aufs Korn zu nehmen ohne irgendwelche Nachahmung einer Manier. Dieses Werk ist in Venedig berühmt, nicht minder wegen der Malereien Giorgiones, als wegen der Bequemlichkeit des Warenlagers und seines öffentlichen Nutzens."

Die Sache ging schnell, das Gebäude hatte ein farbenfrohes, festliches Aussehen, die auftraggebende Signoria profitierte nicht nur bei den günstigen Kosten, sondern auch vom Image der beiden aufstrebenden Künstler. Junge wilde Künstler gefördert, großartige marketingwirksame Kunst am Rialto platziert, wichtige Wirtschaftpartner nachhaltig und großzügig beeindruckt!

Ach! Wie leicht hätte man auch jetzt zwei 20jährige, erfahrene und künstlerisch herausragende Mural-Künstler finden können. Was für eine Pracht wäre es gewesen, zwischen den Fensterreihen lebendige, zeitgenössische Kunstwerke zu sehen, bunt! Im Gegensatz zum öden Weiß, das sich immer weiter auf frisch restaurierten Gebäuden in Venedig ausbreitet. 

Egal, was sie gemacht hätten"...ganz nach eigenem Gefallen, wenn er nur sein Talent dabei kundgebe und an diesem schönsten und am meisten gesehenen Ort der Stadt ein hervorragendes Werk ausführe.

Sagt Vasari, sage ich. 


Mai 2016,  Dachterrasse fertig



Ein schöner und interessanter Artikel aus dem Umfeld des Themas und der Neuen Zürcher Zeitung:
László F. Földényi: Imagination einer Begegnung - Albrecht Dürer und Georgione in Venedig



Nachschlag: Eröffnung am 1.10. 9:30 Uhr

Dazu schreiben:

"Masken und Violinen" - ist das Ironie? "La modernità arriva a Venezia" MUSS sarkastisch sein, oder? Merkt die Autorin des Artikels der NY Times "In Venice, Duty-Free Shopping...", wie entlarvend ihr Artikel ist, aus anderer Perspektive gesehen? Der Moodie Davitt Report ist ein Business-to-Business Informationsmedium und reproduziert ungerührt die DFS-Marketingpoesie. Damit muss es jetzt auch mal gut sein mit der Werbung für den Laden, aus der die meisten Inhalte dieser Artikel bestehen. Sollte noch Kritisches im www auftauchen, wird es nachgereicht. Ebenso meine persönliche Meinung im November, falls ich das Bedürfnis haben sollte. 

Die erste der angekündigten Kulturveranstaltungen ist zur Eröffnung die Ausstellung "Memoria dell' acqua" des venezianischen Künstlers Fabrizio Plessi. Er ist VenedigbesucherInnen bekannt durch regelmäßige Ausstellungen, aber auch z. B. in diesem Sommer in Recklinghausen. Die Ausstellung läuft bis 15.1.2017.



Nachtrag 26.10.2016

Wolfgang Wagener hat per Mail am 24.10.17 seine Eindrücke per Mail gechickt und mir erlaubt, sie zu veröffentlichen. Damit sie nicht im Kommentarbereich übersehen werden, füge ich seinen Text innerhalb des Blogeintrags ein und danke nochmals herzlich für den Bericht:



Der Fondaco hat mich durchaus begeistert. Und zwar wegen des – wie Sie so schön geschrieben haben – „Kundenköders“: der Dachterrasse. Und vielleicht auch, weil ich Schlimmeres befürchtet hatte. Vor diesem Hintergrund finde ich den Bau nicht sehr verunstaltet. So, wie man oft über das Gedränge in den Gassen der Stadt hinwegsehen muss, kann ich problemlos die Luxuswaren ignorieren, und mit etwas Mühe auch die penetrante Dudel-Berieselung (die ist wirklich unpassend). 

Die Rolltreppen finde ich nicht extrem aufdringlich – es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Allerdings sind sie auch nichts Besonderes, eher schon Jugendstil – damit meine ich den Stil aus meiner Jugend, also den 50er und 60er Jahren, wo solche Hölzer auch schon in Mode waren, wie sie hier verwendet wurden. Also zeitlos bieder. Dagegen sind die Treppenhäuser schön schlicht – vielleicht in der ursprünglichen Form?

Die Aussicht von der Dachterrasse ist allerdings grandios. Und kostenlos. Und noch ist es nicht sehr voll. Es wird darauf hingewiesen, dass die Terrasse maximal 80 Personen trägt und man sich daher mit Wartezeit anmelden muss, doch bei drei Anläufen in der letzten Woche hätte ich nur einmal (mittags) 15 Minuten warten müssen. Am Sonntag davor standen allerdings kurze Schlangen vor den Eingängen zum Fondaco – vielleicht wegen der Terrasse. 
Aber dafür lässt die großzügige Warendekoration auch Raum für den offenen Zugang zu den Fenstern auf der Kanalseite. Da kann ich auch über einige Geschmacklosigkeiten (goldene Wände im Dachgeschoss) hinwegsehen.

Ob die Dachterrasse tatsächlich ein Kundenköder sein soll oder kann, wage ich zu bezweifeln. Denn das Sortiment richtet sich offensichtlich nur an Scheichs und russische Oligarchen (Schuhe für 900 €, Weine für 1.000 und 2.000 € usw.). Ich habe dementsprechend oberhalb des Erdgeschosses (wo immerhin die Sonnebrillen-Abteilung umlagert war) kaum Kunden, sehr viele Verkäuferinnen und Verkäufer und ansonsten nur Touristen gesehen. Ich befürchte aber, dass der freie Zugang zu Dach und Fenstern irgendwann eingeschränkt wird. Denn es wird sicher Probleme geben, wenn die Damen aus dem Geldadel Edel-Pumps anprobieren und sich zwischen ihnen kurzbehoste US-Touristen und japanische Reisegruppen mit Fotoapparaten (und deutsche Touristen wie ich) zu den Fenstern drängen, um ein Foto zu machen, und sich gleichzeitig vor den Eingängen die Warteschlangen für die Dachterrasse drängen. Aber momentan ist sie (noch fast) ein (Geheim-)Tipp, ein Ruhepunkt hoch über dem Gewimmel um Rialto. Bis die Terrasse in den ersten Reiseführern auftaucht...


Weiter mit dem Thema:

Fondaco dei Tedeschi - Ansichten, Aussichten vom 14.11.2016


.

17. August 2016

Über Musik in Venedig

Dogenpalast, Säulenkapitell an der Piazzetta

Wieder ein bisschen Musik zwischendurch:

die britische Zeitung THE GUARDIAN widmet sich in einer Sommerserie der Musik europäischer Städte.

Am 29.7. war Venedig das Thema mit Links zur venezianischen Musikgeschichte und Werken von Komponisten, die durch die schönste Stadt inspiriert wurden. Weit entfernt von vollständig, wie denn auch, trotzdem interessant als Lektüre und Hörgenuss.

Stephen Moss
A musical tour of Europe's great cities: Venice.


Nachtrag 18.10:

Ich bin auf einen weiteren  Artikel zum Thema Musik in Venedig gestoßen:
Venice: The First Capital of Opera 
von Fred Plotkin. Interessanter Text, gute Beispielclips.

.

11. August 2016

Noch ein Blick in die Corte Nova, Castello

Perfekt bemalte Kassettendecke, obere Hälften der beiden kleinen Altäre
Anfang August, und schon ist die Restaurierung im Sottoportego der Corte Nova fertig! Das ging flott. Bei meinem Besuch Ende Juli stand das Gerüst auf der rechten Seite (von der Calle Zorzi aus gesehen) und darauf die 3 RestaurateurInnen wie gehabt, ein paar Tage später war es abgebaut und der Durchgang frei.


Baustelle am 27.7.
Die Bemalung der Kassettendecke ist großartig gelungen. Jede Kassette ein Unikat, sicher eine schöne Übung und ein Erfolgserlebnis für die Studierenden. Ein großes Brandloch im Bereich des einen Altares wurde belassen (eine unbeaufsichtigte Kerze? Ein größerer Brand konnte verhindert werden?) und ansonsten leichte Farben bei beiden Altären gewählt. Schön sind auch die aufgepinselten Marmormuster an einigen Stellen - ein so schlichter Raum ist natürlich weder mir Marmor noch mit Marmarino ausgestattet. 

Eine Pracht und eine tolle Arbeit, complimenti!


Rahmen für die Gemädekopien und 'Marmor'bemalung über dem Eingang
Detail 'Marmor'bemalung unter einem Altar

Der Höhepunkt folgt noch: 
"Die Restaurierung des Sottoportego und der Originalbilder, die zur Zeit in S. Francesco della Vigna ausgestellt sind, wurde von Studenten und Restauratoren des Istituto Veneto per i Beni Culturali ausgeführt dank der Unterstützung durch Save Venice Inc.Die Maßnahme wird abgeschlossen im September mit letzten Verfeinerungen und dem Anbringen von Kopien der Bilder in den Originalrahmen. Es wird eine Einweihungszeremonie für die Einerschaft organisiert.Wir danken der Aufsichtsbehörde, der Stadt Venedig, Frau und Herrn Carlotti, der Pfarrgemeinde, dem Kulturverein Olivolo, unserem Lieferanten 'La Beppa' und allen Einwohnern des Wohnviertels für Unterstützung und Hilfe bei dieser Unternehmung.
Wir wünschen, dass alle diesen kostbaren Ort Venedigs zu schätzen und respektieren wissen."

steht auf dem Schild, das vom Istituto Veneto per i Beni Culturale und Save Venice Inc. unterzeichnet ist und im Sottoportego hängt. 

Dem kann man sich nur anschließen.





.

9. August 2016

Jetzt aber! Venedig, die Juden und Europa im Dogenpalast

Aufteilung eines Wohnhauses im Ghetto Nuovo
Alles im grünen Bereich am Dogenpalast bei der Öffnung um 8:30 Uhr am 2.8., ich hoffe weiterhin auf erfolgreiche Vertragsverhandlungen für die MuseumsmitarbeiterInnen, bin aber selbst zu doof, mir auf Anhieb ein korrektes Ticket zu kaufen.  Die Preispolitik ist ein bisschen unübersichtlich und wird deshalb kurz erklärt:

Im 19 €-Ticket (voller Preis) für die "Museen der Piazza San Marco", also Dogenpalast und Museum Correr (in dessen Rundgang das Archäologische Museum und die Monumentalsääle der Biblioteca Marciana inbegriffen sind) sind KEINE Sonderausstellungen enthalten. Gleichzeitig mit dem 19 €-Ticket gekauft, kommt man zum Spottpreis von zusätzlichen 2 € in die Sonderausstellung "Venedig, die Juden und Europa". Separat gekauft, zahlt man für die Sonderausstellung 12 €, aber ich vermute, dass man für diese 12 € auch den regulären Rundgang durch den Dogenpalast absolvieren kann. 

Davon werden BesucherInnen, die 'Venedig, die Juden und Europa' komplett und konzentriert absolviert haben, allerdings kaum Gebrauch machen. Steh- und Aufnahmevermögen sind nach der Ausstellung am Ende und müssen erst ein paar Stündchen restauriert werden.

Ich war vergleichsweise gut auf das Thema vorbereitet durch mehrere Bücher, Internetrecherchen, einen Blogeintrag zum Ghetto und einen weiteren zur Werbung für diese Ausstellung sowie einige Besuche im Ghetto und im Sestiere Cannaregio insgesamt und wurde trotzdem überrascht durch viele neue Informationen. 


Giuseppe Paolini (1609
Plan für die Mülleinsammlung im Ghetto Nuovo
Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut - in die Zeit vor dem Ghetto; die Gründung und Erweiterungen des historischen, dreiteiligen Ghettos im Zusammenhang mit den Zuwanderungswellen von Juden aus Nord-, West- und Osteuropa; die Entwicklung der religiösen, intellektuellen und wirtschaftlichen Multikultur der jüdischen Bevölkerung Venedigs; die Auflösung des Ghettos im 18./19. JH und seine Geschichte im 20. JH - und beschränkt sich jeweils auf wenige Details, sozusagen als Beispiele für die Vielfalt jüdisch-venezianischer Kultur in ihrer langen Existenzdauer von 500 Jahren. Trotz oder besser wegen der Beispielhaftigkeit der Themen in den 11 Ausstellungsräumen schürfen die Darstellungen und ihre Begleittexte, Videos, ausgestellten Dokumente, Objekte und Kunstwerke ziemlich tief und entsprechend kann der/die interessierte BesucherIn einsteigen.

Die Ausstellung profitiert natürlich wieder von den Ressourcen der Archive, Bibliotheken und Museen in Venedig wie im letzten Jahr die Ausstellung "Wasser und Nahrung in Venedig" (die weiterhin herausragt und auch jetzt nicht übertroffen wird). Es sind einige Kunstwerke dabei, die man nicht zum ersten Mal bewundern darf, wie z. B. der wunderbare De Barbari-Plan von 1500, der asketische Doge Leonardo Loredan von Carpaccio mit Insel S. Giorgio Maggiore und seinem Zypressenkloster im Hintergrund; aber auch Leihgaben z. B. der Pinacoteca di Brera oder dem Louvre.

Im Nachhinein wundere ich mich, wie viel von all dem Angelesenen der letzten Monate NICHT in der Ausstellung vorkommt, und wie viel ich trotz Vorwissens neu erfahren oder besser verstanden habe. Trotzdem hinterlässt die Ausstellung bei mir das Gefühl einer Ansammlung von Einzelteilen. Jeder Themenbereich ist für sich hochinteressant, aber die Verknüpfungen liegen nicht unbedingt auf der Hand. Die Mosaiksteine, die das Ausstellungskonzept anbietet, müssen ergänzt werden vor allem durch den Besuch des realen Ghettos in Cannaregio. Dort liegen im Jüdischen Museum und seinem Buchladen, in der Führung durch die Synagogen, in der Galerie der Künstlerin Michal Meron, in den Gassen mit Antiquariaten und dem Schuhmacher, in kosheren Lokalen und in Form von Stolpersteinen Verknüpfungen bereit. Wer sich durch die Ausstellung im Dogenpalast gearbeitet hat, muss diese Erfahrung komplettieren, sonst klappt das Mosaik im Kopf nicht. Umgekehrt natürlich auch: wer das Ghetto besucht, sollte das Angebot der Ausstellung bis zum 13.11. unbedingt nutzen. 


Venezianische Gold-Leder-Tapete, Ende 16./Anf. 17. JH
Genau das sagt dann auch das kleine Begleitbuch, das ich für 14 € im Museumsladen gekauft habe:
"Because the exhibition also addresses the present and the future, it can be seen as an initial survey of the contents of the nascent Jewish Museum (Museo Ebraico) in the Campo di Ghetto. The museum already houses objects, documents, and precious books, but needs to be extended, while the itinerary requires radical redesigning. At the same time the museum has been conceived its visitors to go out and see firsthand the places featured. This approach is based on the theory that the city cannot and must not be "museumified" but, on the contrary, the prime objective of an exhibition like this one, and of the "museum of the city" in general, is to intrigue and stimulate visitors to learn all about the narrated stories by physically exploring the sites and monuments."  
Donatella Calabi, S. 22 f. 
  
Womit ich beim Thema Ausstellungskatalog bin. Immerhin gibt es das hier zitierte Begleitbüchlein, zwar nicht ganz billig für 14 € (144 S., 67 S. meist farbige und meist ganzseitige Abbildungen, 10 Textbeiträge verschiedener AutorInnen), auch in englischer Sprache und erreicht damit endlich mal auch Interessierte, die nicht italienisch sprechen. Soweit löblich und besucherfreundlich.
Der eigentliche Katalog von 536 S. allerdings ist eine Schwarte (pardon, ein Coffee table book), deren Inhalte - wissenschaftliche Aufsätze zur Ausstellung und ziemlich vollständige Abbildung der Exponate, sowie 28 S. Bibliographie - sehr beeindrucken, aber nicht die Buchproduktion. Das Papier ist enorm dick und schwer, die Zeilenabstände meist lächerlich groß, das gebundene Werk ist volumen- und gewichtsmäßig kaum noch transportabel. Mit entsprechendem Material und Layout hätte man die Hälfte, auch bei der Preisgestaltung, einsparen können und das Buch nähme einen annehmbareren Platz in der Bibliothek ein. Den Band gibt es jetzt auf italienisch für 70 € im Museumsshop, ab September auch auf englisch. Er liegt in der Ausstellung auf einer Couch aus, also Gelegenheit, ihn in bequemer Stellung zu prüfen.

Giovanni Andrea dalle Piane (1679-1759)
Vollmond am Sabbath im Ghetto


Ausstellungsbroschüre (4 Seiten PDF)

Der Tagesspiegel 4.9.2016 "500 Jahre Ghetto in Venedig. Die Serenissima und die Juden"




Nachtrag 26.10.2016

In einem längeren Mail vom 24.10.17 hat Wolfgang Wagner sich neben anderen Themen zur Ausstellung geäußert. Mit seiner Erlaubnis (und herzlichem Dank) füge ich seine kurze, aber deutliche Kritik hier ein: 

Vielleicht interessiert Sie noch mein Urteil zur Ausstellung im Dogenpalast. Die Ausstellung zum Ghetto und zu den Juden in Europa fand ich sehr enttäuschend: Einerseits einige aufwändige, gut gemachte und informative interaktive Installationen, zu denen aber jede historische oder soziale Einordnung fehlte, dazu eine unerläuterte Sammlung von Büchern, Dokumenten und Bildern. Keine Gesamtübersicht, keine Hintergrundinformationen (wenn ich nichts übersehen habe). Also: schlecht kuratiert. Da war Ihr Beitrag zum Ghetto wesentlich informativer.


 .