22. August 2017

"Themenpark" Venedig





Wir wissen, was ein Themenpark ist.
In einer Ansammlung äußerlich themenspezifischer Architektur sollen wir künstlich hergestellte Abenteuer nacherleben und genormte Erfahrungen machen, Erlebnisse konsumieren, Adrenalin ausschütten. Außerdem hochpreisige Nahrungsmittel und Konsumartikel von eher schlechter Qualität erwerben, möglichst viel davon.
Der Gewinn wird von Besucher*innen individuell unterschiedlich empfunden, für die Betreiber ist er in der Bilanz hoch.  

Sprechen wir von Venedig? Eigentlich nicht, hätte ich bisher gedacht. Obwohl zu den Hauptgefährdungen des Centro Storico durch den Massentourismus 

  • 1. der Gefährdung der Bausubstanz durch 'moto ondoso', also Wellenschlag durch Riesenschiffe und massiv erhöhtes Verkehrsaufkommen insgesamt, und 
  • 2. der Gefahr der Entvölkerung der Stadt durch Konvertierung des Wohnraums in Hotels und Ferienwohnungen - auch als 
  • 3. die kulturelle Bedrohung durch "Disneyfizierung" seit Jahren befürchtet und beklagt wird, habe ich die Disneyfizierung eher als Problem gesehen, dem man zu einem gewissen Grad ausweichen kann. 
Im Großen und Ganzen schienen mir die Auswirkungen der Tourismusindustrie und dessen, was Einheimische und Migrant*innen zu ihrem Lebensunterhalt davon abzuzweigen versuchen, nicht speziell disneyhaft, verglichen mit anderen Orten weltweit, die vom und/oder wegen des Tourismus leben. Die Musikkultur mag gewisse Züge von Themenpark haben, aber die Museumskultur, die Kunst in Kirchen etc. fand ich authentisch. 

Aber in diesem Frühjahr habe ich der Disneyfizierung ins Auge geblickt, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte: im Museo Diocesano d'Arte, das dem Patriarchat Venedig untergeordnet ist. Also eigentlich eine ziemlich seriöse Institution, die im Gebäudekomplex von S. Appollonia ihre Sammlung venezianischer Sakralkunst, vor allem aus aufgehobenen Kirchen und Klöstern, zeigt. Und immer wieder zusätzlich kleine Kunstausstellungen (wie z. B.  im letzten Herbst einen frisch restaurierten Bellini) oder Nebenausstellungen der Biennale. Mit der Biennale ("Viva Arte Viva") eröffnete hier "VivaVivaldi", ein Produkt der Firma Emotional Experiences, und ich latschte in den ersten Tagen ahnungslos und mit Gottvertrauen in diese - nein, Ausstellung ist es nicht, Veranstaltung auch nicht - sagen wir mal: in dieses Event.

Der 45-Minuten-Durchlauf beginnt moderat mit einem Audiomaschinchen + Kopfhörern und der Anweisung, sich beim Zuhören mal den Kreuzgang (einzigartiger romanischer Kreuzgang von S. Appollonia) anzusehen und dann, weiter zuhörend, langsam über die (moderne) Treppe in die erste Etage zu begeben. Ton: Kurzreferat der Lebensgeschichte Antonio Vivaldi.  
Danach wird es "PHANTASMAGORISCH". 

Auszüge von Vivaldiwerken, von Cristian Carrara mit modernen Klangarrangements gesampelt, werden in 3 aufeinander folgenden Räumen begleitet zunächst von einfachen Videoprojektionen (der Videokünstler Jean-Francois Touillaud und Gilles Ledos unter Regie von Marco Pozzi), dann von einem Film, in dem eine schöne Frau und ein kleiner rothaariger Junge (il prete rosso!) nachthemdig und barfuß durch Flure und Hallen laufen und ein jugendlicher Vivaldi wunderkindmäßig Violine spielt, und dann!! werden informationstechnische Register gezogen: im Hauptraum (ehemaliger Kapitelsaal des Primicierio von S. Marco?) wachsen digitale Wälder, Vögel zwischern, Musik jubelt, es bauen sich Wände, Säulen, Gewölbe auf, die Musik braust, eine Bö fährt ins Publikum, die Decke fliegt weg, die Gewölbe explodieren, immer wieder, alles ist atemberaubend und wie in einer Erleuchtung versteht man, was mit "Disneyfizierung" gemeint ist. Es geht nicht um Vivaldi, er ist nur der Aufreißer, sondern um ein schlaues Verfahren (populäre Musik + Video-mapping), das mit einem/einer guten Coder*in preiswert produziert und ohne weitere Sachkenntnis per Knopfdruck jederzeit und fast überall präsentiert werden kann. 
Und bei der Disneyfizierung Venedigs geht es nicht um Venedig, sondern, wie ich seit Jahren in diesem Blog ahne, um das schnelle profitwirksame Pumpen von Menschenmassen durch Stadt, die nur als Aufreißer dient, aus Sicht derer, die davon profitieren. Die Menschen bewegen sich für ein paar Stunden in der Postkarte, im Video Venedig und bekommen ihre Show. Wer vom disneyfizierten Venedig nicht profitiert, hat das Nachsehen und muss eine Nische im System finden, auch die Einheimischen, die sich nicht vertreiben lassen wollen (und die Begeisterten wie wir).
Die visuelle Sensation von VivaVivaldi wirkt beim ersten Mal, klar, aber sie verdirbt den Musikgenuss gründlich und wem Vivaldi schon als Fahrstuhlmusik auf den Zeiger ging, braucht ihn nach dieser Erfahrung für Jahre nicht mehr. 
Ich wankte aus dem EVENT wie ein Kleinkind aus der Geisterbahn. Außer mir war nur ein junges amerikanisches Paar anwesend und ich hätte gerne gefragt, wie sie es fanden - aber mich fragte die Museumsmitarbeiterin, mit der ich bei der Ausstellung des Bellini im November gesprochen hatte, wie ICH es fand. Meine Antwort war von größter Höflichkeit, unser kurzes Gespräch sehr freundlich. 
Soll man den Verantwortlichen im Museum und im Patriarcato Ahnungslosigkeit unterstellen? Ich glaube nicht. Indifferenz in Fragen der Kunst? Geschäftstüchtigkeit? Mangelnden Blick für den drohenden Themenpark? Profitgier? Darüber muss noch nachgedacht werden.

(Die FAZ am Sonntag hat am 9.6.17 VivaVivaldi besprochen: Vogelstimmen im Mondschein, kostet aber 1 €, den Text herunterzuladen.) 






Eine Vivaldi-Show in S. Appollonia wäre noch kein Themenpark, aber als Nächstes folgte im Juni mit der Ankündigung von "Magister Giotto" in der Scuola Grande della Misericordia ab 13. Juli. 
Wieder keine Ausstellung, keine Veranstaltung, sondern diesmal eine "Erfahrung", an deren Entwicklung viele Fachmenschen mitgearbeitet haben, was der Sache den Anstrich eines wissenschaftlichen Projekts verleiht . Es ist das erste Produkt eines Formats "kultureller Unterhaltung" mit dem Titel "Magister" der Medienfirma Cose Belle d'Italia, dem in den nächsten Jahren 2 weitere zu Canova und Raffael folgen sollen. 

Das Werk und das Leben Giottos wird in Themenkreisen (San Francesco-Fresken in Assisi, Wirkungsorte des Künstlers, Kreuzmalereien, Werke in Florenz, die Cappella degli Scrovegni, die Bilder des Halleyschen Kometen) als hochauflösende Projektionen übergroß in zu diesem Zweck geteilten Räumen des Obergeschosses präsentiert (im Raum von insgesamt 26.000 m3 auf 2 Etagen), es gibt kein Originalwerk Giottos zu sehen. Die Präsentation von 45 Minuten besteht aus Filmen des Regisseurs Luca Mazzieri von 2016 (siehe Trailer unten), also nicht etwa aus 3D-Rekonstruktionen, wie sie heute zur multimedialen Ausstattung vieler Ausstellungen gehören (z. B. von der TU Darmstadt entwickelt). Also eigentlich geht es um einen Kunstdokumentarfilm von 45 Minuten zu überhöhtem Eintrittspreis, der aber immerhin einen Blick in das großartige Gebäude erlaubt, wenn auch auf das Raumerlebnis der riesigen Halle der oberen Etage verzichtet werden muss, durch die Raumteiler. 

Ich habe "Magister Giotto" nicht gesehen, kenne aber die Scuola Grande della Misericordia vor und nach der Renovierung und habe mithilfe der Informationen aus dem www eine Vorstellung, die mir erlaubt, auch hier einen gezielten und offiziellen Schritt in Richtung Disneyfizierung und "Themenpark Venedig" zu sehen. Technisches Massenprodukt mit eher geringem Anspruch in öffentlich reputiertem Gebäude + hohe Eintrittskosten (18 €). 
Das Haus gehört der Stadt Venedig. Die Lokalpresse Venedigs diskutiert mögliche Funktionsvermischungen des Bürgermeisters Brugnaro, des Geschäftsmannes Brugnaro (Vorsitzender der Società Scuola della MisericordiaVenezia) und des Präsidenten Brugnaro des Sportsvereins Reyer, der zuletzt das Gebäude als Basketballhalle nutzte. Kritik betraf auch die Werbung für "Magister Giotto", eine gewerbliche private Veranstaltung, auf der offiziellen Seite der Stadt Venedig

Freund*innen, vor allem eine Kunstvermittlerin, warnen mich vor Arroganz, wenn es um den populären Zugang zu Kunst geht. Aber sind arrangierte Samples plus explodierende Wände wirklich ein Zugang zum allbekannten Vivaldi? Sind riesige Detailaufnahmen in 3-Sekunden-Schnitten wirklich eine Einladung, sich in Giottowerke zu vertiefen? 
Ist eine 45minütige Show ein Zugang zu Kunst oder Musik, wenn sich der Eintrittspreis einem Biennale-Ticket annähert, oder gleichwertig ist einem Piazza-San-Marco-Ticket mit Dogenpalast, Correr etc.? 
Wie oben gesagt, es geht nicht um Kunst. Es geht um ein zu vermarktendes Produkt, dessen Investitionskosten über den Aufreißer Venedig refinanziert und weitere Absatzoptionen getestet werden. Angeblich gibt es bereits japanische Interessenten für die Vermarktung in Tokyo und Kyoto.

Artribune schreibt am 19.8. Tutto Giotto, ma senza Giotto





Hat die Disneyfizierung einen weiteren offiziellen Fuß in der Tür zum Themenpark? Ich glaube schon. 
Palazzo Grassi und Dogana zeigen "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" von Damien Hirst - eigens für Venedig produziert, alle Exponate in 3facher Ausfertigung, für den Kunstmarkt. 

Ich füge hier ohne weiteren Kommentar einen Auszug aus dem Kulturkalender des Blogs an: Unmengen Fotos und interessante Medienkommentare des Frühlings und Sommers. Tendenz: war wohl nix. Man kann vielleicht doch nicht alles verkaufen im Aufreißer Venedig. 

23.2. Ein heutiger Text dazu aus dem Guardian.
10.3. Vorschau auf die Hirst-Ausstellungen
26.3. nochmal der Guardian
7.4. übermorgen Eröffnung für das Publikum - die Medien sind seit vorgestern in den "Depths of Bling"ArtnewspaperRealClearLifeGuardianTelegraphNY TimesArtLystArtNetNews
9.4.: MonopolZeit (eine Notiz ohne Informationswert und Verfasser), Deutsche Welle
10.4.: Deutsche WelleTagesanzeigerZitate aus dem englischsprachigen Feuilleton
11.4. Blouin ArtinfoArtlyst
15.4. Economist
16.4. nochmal Guardian
19.4. Artnet News mit Interessantem zum Thema Hirst und Kunstmarkt.
24.4. ArtnetNews (der 3. Artikel). 
25.4. Chicago Suntimes. Das deutschsprachige Feuilleton ist nicht weiter interessiert oder ist das Schweigen schon als Kritik zu verstehen oder vielleicht doch als Provinzialität? 
8.5.: pulse.ng - hat Damien Hirst Kunst aus Ife kopiert?
15.6. Tagesspiegel. (Das deutschsprachige Feuilleton lebt noch.)
6.7. Pambazuka News - eine afrikanische Stimme, nochmals zum Thema Plagiat
12.7. ArtNetNews zur venezianischen Verkaufsschau von Hirst
10.8. Hyperallergic ein wunderbarer Verriss ("brash and un-compelling")
13.8. Monopol äußert sich auch (abwinkend), nach immerhin 4 Monaten.



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4. August 2017

Ein kleines Schubidu...


... zum Augustvollmondwochenende entlang des Rio della Misericordia in Cannaregio.






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31. Juli 2017

Riva dei Sette Martiri - nicht nur Biennale

Pavillon Seychellen
Am kurzen Stück der venezianischen Uferpromenade, die den Namen Riva dei Sette Martiri* trägt, wird in diesem Jahr eine überraschende Menge Kunst präsentiert. Für Kunstinteressierte mit wenig Zeit sozusagen ein kostenloses, aber vielfältiges Kurzangebot zwischen den Haltestellen Arsenale und Biennale. 2 Nationenausstellungen (Seychellen und Tunesien) und eine Handvoll Nicht-Biennale-Events.

Tunesien hat seinen ersten Biennaleauftritt seit 1958 und an der Ecke der Riva und Via Garibaldi eine seiner Niederlassungen des Projektes "The Absence of Paths". Besucher*innen, die hier an den historischen Kiosk treten, sind Teil der Performance, die immer wieder neu stattfindet: schriftlicher Antrag, mündliche Prüfung und Ausgabe eines universellen Reisedokuments für Migrant*innen, eines "Freesa". Der Ausweis kostet nichts, ebenso wie das Gespräch, das alleine schon die Sache wert ist. Die Projektidee ist, dass wir alle Migrant*innen sind, zumindest im historischen Sinn, und obwohl wir als Toursti*innen hoffen, weiterhin zu den Privilegierten zu gehören, die nicht auf die ungewollte Wanderschaft geworfen werden - könnten wir uns ja irren. 

Die Ausweisbroschüre für das persönliche Freesa enthält die Erklärung: "Mit der Unterzeichnung dieses universellen Reisedokuments stimmt der Empfänger ausdrücklich einer Philosophie der universellen Reisefreit ohne staatlich begründete Sanktionen zu. Er behält sich eine wesentliche Beteiligung, auch auf kreative Weise, an der Diskussion des Themas Migration vor..." und ein Gedicht von Maulana Rumi: "Den ganzen Tag denke ich darüber nach, und in der Nacht sage ich es. Woher komme ich, und was ist meine Aufgabe? Ich habe keine Ahnung..."  
Wer schon da war und noch nachträglich (oder überhaupt!) das Bedürfnis hat, sich zu äußern oder zum Projekt beizutragen, hat hier die Gelegenheit.


Migranten an der Riva dei Sette Martiri

Ein paar Häuser weiter, Hausnummer 1610/A, gibt es "Empire II": 115 Kurzfilme ebenso vieler Künstler*innen, gezeigt in einer Schleife, präsentiert in einem winzigen Vorführräumchen "ein pulsierendes Herz digitaler Kunst" (sagt die Broschüre), das vom ebenso winzigen Eingangzimmerchen, vollgestopft mit Büchern wie ein Flohmarktbücherverkauf "an extensive library engaging in film history and theory" (sagt die Broschüre), nur durch einen schwarzen Vorhang getrennt ist. 
Die Frau, von der man in der Filmbude empfangen wird, ssschhhht die ganze Zeit, weil jede noch so kleine Konversation die Filmvorführung stört. Ein paar Klappstühle. Hitze. Schlechter Geruch mangels Lüftung. Auf "...Überlegungen zu Klimawandel, Verschleißpolitik, Immigration, Narzißmus, Sex, Verzweiflung, Liebe, Hass, Identitätsverlust, Abhängigkeit, Gewalt, misslungene Ökonomie, digitale Vergewaltigung, Cyberkriminalität, Raumfahrt, Umweltverschmutzung, Tod und Konsumdenken..." kann ich mich unter diesen Bedingungen leider nicht so richtig einlassen. Liebe Güte. Ein schweigendes Lächeln für die Empfangsdame, die ihre Schultern hochzieht und zurück lächelt.
Verantwortlich für diese (nicht Biennale-gebundene) Veranstaltung ist Negin Vaziri, ein Name, den man sich noch nicht merken muss, glaube ich. 


Tobi Möhring

Mehr Bewegungsfreiheit, Luft und Licht gibt es in der Palazzina Canonica, Haus Nummer 1364, wenn auch der Erdgeschossraum zur Riva in voller Breite einen Filmvorführraum enthält und die Fensterläden geschlossen sind. Das Haus ließ sich 1911 der Bildhauer Pietro Canonica bauen, ein Gründerzeitbau eben, aber die Aussicht vom Obergeschoss auf das Becken und S. Giorgio Maggiore ist phantastisch. Auch der Blick auf die Riva, die zu Beginn der 1930er Jahre als 'Riva dell'Impero' verbreitert wurde und Militär- und faschistischen Parteiaufmärschen diente. Während der deutschen Besatzung ab 1943 war das Haus der Sitz des Wehrmachtskommandos (über den Begriff bin ich unsicher, da mir das in einem italienisch geführten Gespräch erzählt wurde - jedenfalls die kommandierenden Nazis). Später hatten wissenschaftliche Einrichtungen hier ihren Sitz, zuletzt die Bibliothek des Instituts für Meeresforschung CNR ISMAR, das jetzt seinen Sitz in der Tesa 104 des Arsenale hat. Die Palazzina Canonica war seit 1970 nicht mehr öffentlich zugänglich, seit 4 Jahren stand sie leer. 


 "Where do we go now?"

ISMAR, der Nationale Forschungsrat, die Fondazione Querini Stampalia und Fortuny sind am Kunstprojekt "Leviathan" (7.5.-24.9.) von Shezad Dawood beteiligt, das hier seinen Start hat und während einer dreijährigen internationalen Tour bis 2020 weiterentwickelt und vollendet wird. Es besteht derzeit aus 2 Filmen, die im Haus Canonica (Episode 1: Ben, 13,5 Min.) und in einem Nebengebäude (Episode 2: Yasmine, 23 Min.) gezeigt werden, ab 1. September folgt in einem weiteren Gebäude im Garten der dritte Filmteil (Episode 3: Arturo) von insgesamt 10 Episoden, die bis 2020 hergestellt werden. 
Bis 25.8. wird jeweils Freitags um 18:30 Uhr zu (kostenlosen) Filmvorführungen eingeladen (siehe Link). 
Ds Filmprojekt wird im Haus Canonica ergänzt durch zwei Skulpturen ("Leviathan" und "Where do we go now?") und eine Installation in der ehemaligen Bibliothek unter Verwendung von Fortuny-Stoffen ("Labanof Cycle").

Haus ist interessant, Kunstinstallationen und Filme sehenswert, der Besuch ist zu empfehlen, genügend Zeit sollte eingeplant werden (alleine die Filmepisoden 1+2 dauern über 30 Minuten).


Lih-Jen Shih, The Reappearing of King Kong Rhino

Nunmehr kommt die Abteilung Menschen (lebensecht!), Tiere (groß und wild!), Sensationen (Badeanzüge trotz EnjoyRespectVenezia!) an der Riva dei Sette Martiri. Der Reihe nach. 

Alles findet statt in den beiden Gärten links und rechts der Marinaressa, dem Gebäude aus dem 16. JH mit den beiden hohen Torbögen, mit dem die Serenissima Repubblica besonders verdienten, vor allem seekriegsverdienten, Seeleuten kostenlose Alterswohnsitze zur Verfügung stellte. 
Links liegt der sogenannte Giardino della Marinaressa, der 2010 wieder angelegt und der Bevölkerung als Park übergeben, zur Biennale 2015 für die Ausstellung von Ursula von Rydingsvard wieder schön geputzt und erneuert wurde. 
Der Garten rechts gehört, wie man mir sagte, zum Gästehaus der Salesianer (siehe auch Eintrag "Wohnen in venezianischen Klöstern") zu betreten durch ein Gartentor im Hintergrund aber bisher nicht zu begehen, weil ein wildes Gestrüpp alles bedeckte und in dem ich noch nie einen Menschen gesehen hatte. Jetzt steht hier stahlblitzend ein riesiges Rhinozeros von Li-Jen Shih, ein paar der sehr witzigen Schweißarbeiten von Tobi Möhring, und, neben ein paar eher kunsthandwerklichen Schildkröten, dessen Schöpfer*in ich mir leider nicht gemerkt habe, die umwerfenden 16 Riesenschildkröten der Nationalausstellung der Seychellen. 
Unter dem Titel "Slowly Quietly" haben 16 Künstler*innen das von George Camille und Allen Camille geschaffene Schildkrötenbasismodell gestaltet - auf verschiedenste Weisen bemalt, ergänzt, und eher bescheiden im Hintergrund des Gartens aufgebaut. 
Hier sind alle Individuen, aber ohne den schönen Rahmen von Pinien und Sträuchern und Lagune. Sehr unterhaltsam. Und über den üblichen Zeitraum von 18 Uhr hinaus offen für Besuche - gemäß den Öffnungszeiten venezianischer Parks im Sommer bis 21 Uhr.


Carole Feuerman
Eine der Skulpturen ist bekleidet...

Nächste Tür: Menschen+Sensationen, die Badeanzugfrauen (und ein Mann) von Carole Feuerman. (Siehe auch Eintrag "2 x hyperrealistische Skulpturen..."). Parallel zu Duane Hanson entwickelte sie seit den 70er Jahren realistische, aber im Gegensatz zu seinen Charakterfiguren ausschließlich "schöne" Skulpturen Badender, ihre Werke sind unverwechselbar wie die Hansons. Auf der Biennale 2007 stellte sie ihre "Grande Catalina" im Garten des Paradiso vor, es war Liebe auf den ersten Blick für mich. 
Der Giardino della Marinaressa strahlt mit den scheinbar tropfnassen Leuten im Badeanzug derart Sommerlust und -frische aus, dass er schier zu einem Badeanzugflashmob herausfordert, natürlich innerhalb des Gartenzauns! Um die Gebote des genießenden Respekts nicht zu übertreten und kein 200 €-Knöllchen zu provozieren. Die Ausstellung an der Riva läuft bis 5.12., die parallele Ausstellung im Garten der Venissa auf Mazzorbo nur bis Ende September.


Carole Feuerman

* In einem katholischen Kosmos wie Venedig vermutet man beim Begriff "Martiri" leicht christliche Märtyrer - die Sieben, die hier mit der Uferbenennung geehrt werden, sind aber Teil der italienisch-deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Die Umbenennung von Riva dell'Impero in Riva dei 7 Martiri, Ufer der 7 Blutzeugen, ist die Erinnerung an
Bruno De Gasperi, 20 Jahre
Girolamo Guasto, 25 Jahre
Alfredo Gelmi, 20 Jahre
Luciano Gelmi, 19 Jahre
Gino Conti, 46 Jahre
Alibrando Armellini, 24 Jahre
Afredo Vivian, 36 Jahre,
die bei Sonnenaufgang des 3.8.1944 zwischen zwei Uferlaternen vor der Palazzina Canonica von 24 Soldaten des deutschen Besatzungskommandos in Venedig erschossen wurden. Sie waren antifaschistische politische Gefangene im venezianischen Männergefängnis S. Maria Maggiore; ihre Ermordung die Repressalie wegen eines verschwundenen deutschen Soldaten (der, wie sich herausstellte, besoffen in der Lagune ertrunken war). 500 BürgerInnen von Castello wurden gezwungen der Hinrichtung zuzusehen, die Toten lagen tagelang in der Sommerhitze am Ufer, von deutschen Soldaten bewacht, bis ihr Begräbnis erlaubt wurde.

Es wird Ihrer jährlich treu am 3. 8. gedacht, siehe unten das Einladungsplakat zum 72. Todestag 2016, das ich auf der Via Garibaldi fotografiert habe. Dass im Anschluss an den gemeinsamem Trauermarsch zur Riva, Gedenken und offziellen Ansprachen von 20-23 Uhr an der Riva Tango getanzt wird, ist eine schöne Geste in Erinnerung des trionfo della ingiusta morte...




Ergänzung 2.8.:
Tweet zum Gedenken am 3.8.2017  pic.twitter.com/N2tmoe2xGe

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24. Juli 2017

Noch einmal: Villa Cornaro, Piombino Dese

Quelle: Regione del Veneto 2016

Am 7. September 2007, also vor 10 Jahren, fuhr ich von Venedig nach Piombino Dese, eine kleine Bahnstrecke von der Dauer der Vaporettofahrt von Giudecca Palanca bis Fondamente Nove, um auf Einladung des stolzen Besitzerpaares Sally und Carl Gable die Villa Cornaro, Werk Andrea Palladios, zu besuchen.

Meinen Bericht vom Oktober 2007 kann man hier lesen: 
Villa Cornaro - ein Ausflug aufs Festland.

Der Eindruck war nachhaltig: in der Folge las ich viele Bücher über Andrea Palladio und vor allem seine "Vier Bücher zur Architektur", besuchte diverse Ausstellungen zu Palladio in Venedig und andernorts, pflegte noch einige Jahre den gelegentlichen Mailkontakt mit den Gables aber kehrte nicht mehr nach Piombono Dese zurück. Wollte eigentlich schon, hat sich aber nicht 'ergben'.


Im Februar 2017 fand ich die Villa Corner auf der Webseite von Sotheby's - Preis auf Nachfrage. Da die Gables schon vor 10 Jahren zwar bei bester Gesundheit, aber beide betagt waren, gab es einen nahe liegenden Schreckgedanken. 
Die Widmung in "Palladian Days - Finding a New Life in a Venetian Country House" lautet: 


"For Ashley, Carl and Lisa, Jim and Juli. 
Hoping they will understand why we embarked on this adventure, learn about the Veneto and the Renaissance, and grow confident in their own ability to seize dreams. 
And so they will know where the money went."

Meine Befürchtung hat sich zum Glück nicht bestätigt - nicht die Erben verkaufen das Haus, sondern aus Altersgründen das Besitzerpaar selber. Auf 2 Kontinenten zu leben, ist auch eine Frage der Kondition.

Vor 10 Tagen berichtete die New York Times in einem sachkundigen, lesenswerten Artikel (in Anlehnung an die Website der Gables) über das sensationelle Angebot einer Palladio-Villa: 


wow, inklusive 7 beeindruckenden Fotos (natürlich habe ich bei meinem Besuch der Villa weder im Haus fotografiert, noch die (Schlaf- und Arbeits-)zimmer der oberen Etage gesehen). Nachdem die Sache groß raus ist, kann ich meine Zurückhaltung aufgeben und auch auf die Sensation hinweisen.
Eine Immobilienfirma klinkt sich mit einer Art Schein-Exposé ein, aber die Fotos sind sehenswert (wenn auch ein Foto der Rückseite des Hauses extrem in die Höhe gezogen ist, geklaut bei Guide touristiche Padova). 

In den 10 Jahren seit meinem Besuch der Villa verzichten erstaunlicherweise Reiseführerautor*innen durchgängig weiterhin darauf, auf dieses Juwel aufmerksam zu machen. Es gibt ein paar Tips von/für Tourist*innen online, und die Tourismus-Seite von Padua empfiehlt den Besuch der Villa mit Besuchshinweisen.

Dieses Besuchsangebot beruht auf der Gastfreundlichkeit des Ehepaars Gable, ohne Zaudern und kostenlos seinen Besitz dem interessierten Publikum zugänglich zu machen. Und man wandert nicht nur durch die Räume, die Palladio für die Präsentation konzipierte, sondern auch durch Küche, Bad, Wohn- und Arbeitsräume des Erdgeschosses. Ob das nach dem Verkauf und unter neuen Besitzer*innen noch der Fall sein wird, kann niemand wissen. Wer 45.000.000 € in ein Haus investiert, hat sicher ziemlich exklusive Nutzungsvorstellungen. Realitischerweise würde ich also befürchten, dass man künftig keine Chance mehr hat, die Villa zu besichtigen. 

Also: die möglicherweise letzte Gelegenheit nützen, bis Ende September Samstagnachmittag einen Ausflug nach Piombino Dese machen. (Oder danach telefonisch einen Termin abmachen. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft ist zuständig, für vereinbarte Gruppenbesuche die Türen und Fensterläden zu öffnen. Solange das Haus nicht den Besitzer gewechselt hat.) 

Auf der Gable-Webseite finden sich Informationen zu Palladio und seinem Werk.
Auch das Vorbesitzerpaar der Villa, Richard H. und Julia Rush, berichtete sehr lesenwert über "Our Purchase and Restauration of the Villa Cornaro". 




Alle Einträge mit dem Label Palladio


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18. Juli 2017

"Respekt" Kampagne in Venedig


Ein Foto "ohne Massen"
22.6. 2014 5:30 Uhr morgens auf dem Canal Grande

Vor einigen Tagen rief auf Twitter eine venezianische Stadtführerin dazu auf, Fotos hochzuladen, die "Venedig ohne Massen" zeigen. Haha! Netter Versuch! Bis zum Ende dieses Jahres werden in der schönsten Stadt 30 Millionen Besucher*innen erwartet, eine gewisse Panik und irrationale Reaktionen sind nicht verwunderlich. 
In einer Internetgruppe internationaler Venedigwissenschaftler*innen, in der es sonst themenzentriert hergeht, sagte vor 2 Wochen ein venezianischer Professor: "Venedig stirbt nicht - es ist tot." Und eine amerikanische Professorin antwortete: "... es ist nicht tot - sie haben es nur in Disney World Venezia verwandelt. Das ist schlimmer als der Tod, nach meiner Meinung - besonders für die unter Euch, die versuchen, ein Leben in der Stadt zu leben und uns alle, die ihre Geschichte in Ehren halten." 
Auch ich denke, dass Venedig nicht im Wasser der Lagune untergehen wird, sondern in den Veränderungen, die von der gewählten Stadtverwaltungen seit jahrzehnten geduldet werden, und der Gier, mit der rasend ausgebeutet wird, was in anderthalb Jahrtausenden von Menschen aufgebaut wurde.

Ein Teil des Problems ist, dass venezianische Immobilienbesitzer*innen verkaufen oder vermieten als Ferienwohnungen und aufs Festland ziehen, diejenigen ohne Besitz gehen notgedrungen, weil sie die Mieten nicht mehr stemmen können. Der Körper Venedigs ist 1000 Jahre alt, aber die Ressource, die zu seinem Erhalt gebraucht wird, Bürgerinnen und Bürger, versiegt. Wer regelmäßig nach Venedig kommt, sieht dieses Drama mit Entsetzen. Ist das noch die viel zitierte Disneylandifizierung oder muss man es langsam Zombiefizierung nennen? Internationale Medien fangen an, über das Kreuzfahrtschiffethema hinaus das Problem zu benennen, deutschsprachig z. B. die ZEIT am 13.7. "Das nächste Mal Pauschalurlaub". 

Quelle: Extra Communicazione
Eine Werbeinitiative venezianischer Firmen
Auch hier gilt bei aller Liebe: WER SOLL DAS LESEN BTTE?

Naja, ETWAS tut die Stadtverwaltung schon. Sie bemüht sich, die täglich ca. 100.000 Besucher*innen zu angemessenem Verhalten zu erziehen. Seit Jahren durch Werbekampagnen des gleichen Strickmusters, Modell "Venedig gehört auch dir, respektiere sie!". Wir kennen alle die Plakate und Aufkleber im Stadtbild, vor allem im ÖPNV - in den Vaporetti, an den Haltestellen. Leider nicht mit dem gewünschten Erfolg, obwohl die Verhaltensvorschläge einleuchtend sind und eigentlich zum schlichteren Standard höflichen urbanen Benehmens, egal wo, gehören. Ich glaube, dass regelmäßige Besucher*innen und Venedig-Appassionati durchaus über das nötige Problembewusstsein verfügen und Abfall-, ÖPNverkehrs- und Bekleidungsregeln befolgen, keine Tauben füttern, nicht picknicken und schon gar nicht in Kanälen schwimmen, die Stadt nicht beschädigen und nicht bei fliegenden Händlern kaufen. Wenig Erziehungsbedarf, meine ich. 

Aber die "Massen"! Die ohne Vorinformation, ohne weitergehendes Interesse und ahnungslos "einmal im Leben Venedig gesehen" haben wollen, um festzustellen, es sieht genau aus wie auf den Bildern, die jede*r kennt, nur leider vollgestopft, heiß-stickig-verregnet-neblig-windig, und anstrengend. Eine Erfahrung von ein paar Stunden, bestenfalls 1-2 Tagen, überwältigend auf manche Weise, aber zu kurz um die öffentlichen Erziehungsbemühungen wahrzunehmen. Die Bitte um Respekt - hier rein, da raus. Pünktlich zurück zum Bus oder Charterboot ist, was an Regeln zählt.

An die "Massen" ist (war) auch die social media Kampagne dieses Frühlings "#Welcome to Venice" mit immerhin 14 (!) Verhaltensregeln verschwendet. Denn wer sucht im Internet nach "14 Wege, Venedig zu lieben", wenn 6 Tage Europa Rom, Venedig, Wien, München und Paris bedeuten, zum Teil per Bus, mal schnell zwischen dem Flug von und nach China? Was WISSEN und wie DENKEN die Erfinder*innen solcher Werbetexte über ihre Zielgruppe? 

Seit letzter Woche gibt es eine weitere Medienkampagne, die aber neue Register zieht via Soziale Medien, Presse und sogar einer riesigen Projektion am Campanile von S. Marco während der Redentorefeier. "#EnjoyRespectVenezia" sabbelt nicht, sondern zeigt in schlichten Pictogrammen, was in Venedig nicht geduldet wird und nennt die Kosten der Nichtbeachtung. Man darf gespannt sein, ob der Versuch gemacht wird, die Verbote durchzusetzen, und falls ja, wie erfolgreich?
Im Frühling gab es eine Rekrutierungskampagne der venezianischen Polizei, das Personal ist aufgestockt... denn wenn auch diese Kampagne mit Begriffen wie Bewußtseinsbildungs- und Sensibilisierungsmaßnahme (awareness and sensitivity!) verziert wird (bloß nicht die Tourismusindustrie erschrecken!), sie wird exekutiert - oder wieder mal eingestampft.

Was mir gut gefällt an der Website sind die Hinweise im Menü, und besonders der Unterpunkt Stadtplan mit dem Verzeichnis der zugelassenen Beherbungsbetriebe. Damit haben wir als Besucher*innen eine weitere Möglichkeit, bescheidene aber wichtige Verantwortung zu übernehmen. Die Anwendung lädt ein bisschen langsam und ist (mal wieder) nur italienisch, aber mit ihrer Hilfe können Hotels und vor allem Angebote von Ferienwohnungen auf ihre Struktur und Legalität geprüft werden. Damit wird zwar der Wohnungsmarkt für Einheimische nicht verbessert (siehe oben), aber wir können z. B. vermeiden, eine nicht genehmigte Ferienwohnung zu mieten. 




Es wäre zu hoffen, dass an den Flughäfen in Venedig und Treviso, in der Stazione Marittima und im People Mover, im ACTV- und im Alilagunabereich das schlichte Plakat so groß wie möglich präsentiert wird.

Und dass die Comune Venezia künftig weitere Maßnahmen ergreift, die sich WIRKLICH auf die Lebensqualität der Venezianer*innen auswirken. Auf Kosten derer, die bisher von der Ausbeutung der Stadt profitieren. 
Naja. Ein Wunschtraum. 

Quelle: Tweet von Paola Mar, Comune Venezia
16.7.2017


Nachtrag 18.7.:
Auf meinem Twitterkonto finde ich einen Link zu einem Blogeintrag von Italy Heaven (mir bisher unbekannt) von gestern, 17.7.:
"Wie man in Venedig ein 'guter' Tourist ist (und die Stadt genießt, ohne die Einheimischen gegen sich aufzubringen"
Detailliert! Einfühlsam! Lesenswert!


Nachtrag 20.7.:
Der Artikel von Thomas Steinfeld in der SZ vom 18.7. "Italiens Touristenmagneten im Dilemma" steht jetzt online. Sehr lesenswert.

Nachtrag 25.7.:
Nachdem am 23.7. morgens um 6:15 Uhr drei 20jährige Belgier von der Ponte della Costitutione in Wasser sprangen und sich dabei filmen liessen, marschierte die Polizei an und nahm die Jungs fest. Tagesgespräch in der Stadt und allen ihren Medien. Daraufhin wurden heute die Preise der Respektsknöllchen erhöht und folgend veröffentlicht:




Und ganz detailliert nachzulesen auf der Webseite der Comune Venezia.


Nachtrag 2.8.:
29 neue Polizistinnen, heute neu eingestellt, sorgen ab 15.8. bis zum Saisonende für geniessenden Respekt bzw. respektierenden Genuss rund um den Markusplatz. 


Quelle: Città di Venezia

Nachtrag 4.8.:
Es wird weiter daran gearbeitet, die Massen besser fließen zu lassen (oder zu beeinflussen?). Neu auf der Internetseite der Stadt Venedig: Touristenreport. Täglicher Wasserstand der erwarteten Tourist*innenflut. Auf welcher Basis die Hinweise stehen, wird nicht mitgeteilt - werden Daten von Cruiseschiffen, Fliegern, Bussen, Reisegruppenhotelbuchungen etc. erhoben?
Es gibt wirklich Tage, an denen die Skala GRÜN zeigt (bisher), z. B. am 24.12. :-)



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11. Juli 2017

Eine Runde um den Campo S. Stefano...

Body and Soul, Palazzo Pisani 

... heißt 5 sehr verschiedene tolle Ausstellungen in 4 interessanten Gebäuden, und die Rede ist nicht von einer schnellen Runde. Aufmerksamkeit will Zeit. 

Nicht zu dieser Runde zählt "Glasstress 2017" im Palazzo Franchetti, einem der beiden Gebäude des Istituto Veneto di Scienze Lettere ed Arti am Campo Santo Stefano. Die Institution wurde während der napoleonischen Zeit gegründet analog der Accademie Francaise, das Gebäude rechts der Accademiabrücke zeigt praktisch immer Kunst- oder Wissenschaftsausstellungen
Aber: ich habe die aktuelle Ausstellung noch nicht gesehen, sondern war in den Eröffnungswochen im Mai nur auf Murano, um die neue Dependance von Glasstress zu besichtigen, bzw. das Projekt "The Unplayed Notes Factory". Leider erfolglos. Ist nur Sa-So-Mo von 13-16 Uhr aktiv, quasi während der mediterranen Mittagspause. Wer kann damit rechnen!? Beide Ausstellungen laufen bis zum Ende der Biennale am 26.11., real also kein Stress...

Darüber hinaus im Palazzo Franchetti und ebenfalls noch nicht gesehen: der Pavillon des Irak mit einem ungewöhnlichen, sehr speziellen Programm, das auch Menschen anzieht, die sich eher weniger für Gegenwartskunst interessieren. "Archaic": 40 Exponate aus dem Nationalmuseum, die großenteils noch nie das Land verlassen haben, werden 8 modernen oder zeitgenössischen Künstler*innen gegenüber gestellt.  Dazu einige Pressestimmen: NY TimesThe GuardianArtDailyInterview mit den Kuratoren der Ausstellung. 

Der Plan des Campo Santo Stefano von J.-C. Rössler zeigt die reusenartig zulaufende Form des Platzes, von der Accademiabrücke Richtung Kirche S. Stefano gesehen, bzw. die Gebäude, die diese Form bestimmen. 


Linda Condes, Extraterrestrial Odyssey, Palazzo Pisani

Der Palazzo Pisani, rechte Seite, heute Sitz des Conservatorio Benedetto Marcello, steht dem Publikum ausschließlich für Musikveranstaltungen (z. B. Eintrag 'Giuseppe hatte Geburtstag') und nationale und kollaterale Biennaleausstellungen (z. B. Eintrag 'Musikturm') offen.

In diesem Jahr gibt es Ausstellungen in den beiden Innenhöfen und im Piano Nobile. In den Innenhöfen sind Linda Condes und David Lismore mit sehr verschiedenen Skulpturen, deren Zusammenhang sich mir nicht erklärt - vielleicht gibt es keinen. Aber es gibt die Gelegenheit, die Innenhöfe zu bewundern und die Brücken, mit deren Hilfe sie sogar auf zwei oberen Etagen überquert werden können.  
 
David Lismore, Lismorial Alien 2, Palazzo Pisani


Die Performances 'Body and Soul' im Piano nobile, eine Biennale-Nebenveranstaltung der Rush Philantropic Foundation, fanden/finden live nur an wenigen Terminen im Mai und September statt. Aber zusätzlich in beeindruckenden Fotoreihen und auf Bildschirmen. Noch beeindruckender (für mich) ist die reiche Dekoration und die Atmosphäre des Portego, vor allem die Fresken von Jacopo Guarana. Sehr sehenswert. Man erreicht den Piano nobile über ein ungewöhnliches Treppenhaus, das durch einen Mezzanin führt. Ich kenne (neben diesem und dem hohen Treppenturm) noch zwei weitere Treppenaufgänge in diesem riesigen Haus, deren Zahl vermutlich auf die Bau- und Umbaugeschichte des Hauses zurückgeht. 

Vom 12.5.-18.6. zeigte in 2 der Seitenräume des Piano nobile die K11 Art Foundation (ohne Biennale-Anbindung) eine Einzelausstellung Lian Yuanweis:  Behind the Curtain. Besonders ihre Projektion alter venezianischer Stoffmuster in kompliziert ausgearbeiteter Ölmalerei gefiel mir sehr. Leider schon vorbei! 

(Das neu eingerichtete Musikmuseum, noch im Aufbau begriffen, kann Mo-Fr 14-16 Uhr besucht werden. Am Empfang des Konservatoriums fragen. Zu sehen sind historische Musikinstrumente und musikgeschichtliche Erklärungen. Bei der Restaurierung der Räume wurden Hinweise darauf gefunden, dass sie einst als Freimaurertempel (Tempel = Versammlungsort) genutzt wurden. Die Studien dazu dauern an.)

Achtung, die Ausstellungen im Palazzo Pisani sind im Gegensatz zu anderen Biennaleveranstaltungen sonntags geschlossen und montags offen!


4 Fotos des selben Kunstwerks
Azerbaijan, Palazzo Lezze

Der Pavillon von Azerbaijan belegt zum wiederholten Mal Erdgeschoss und Piano nobile des Palazzo Lezze. J.-C. Rössler (siehe Plan, Link oben) bescheinigt dem Gebäude "architekturgeschichtlichen Wert", den ich Laiin in den streng renovierten Innenräumen nicht erkenne. Details dazu in Literatur und www finde ich nicht - außer dem Immobilienangebot (Sotheby's) der oberen Etage vom Februar 2017, da gibt es dann allerdings Details und informative Fotos. 

Die azerbaijanische Ausstellung "Unter einer Sonne - die Kunst des Zusammenlebens" gefördert von der Heydar-Aliyev-Stiftung, schlug im Vorfeld ziemliche Wellen, ideologischer moto ondoso sozusagen, des deutsch- und auch englischsprachigen Feuilletons. Kritisiert wurde die Kooperation des Kurators Martin Roth mit der autokratischen Regierung Azerbaijans. Aus meiner Sicht haben da einige Kulturjournalisti die Gelegenheit genutzt, sehr laut zu quaken. Als ob es nicht globale Tagesordnung sei, Kunst politisch einzusetzen, zu bewerten, zu missbrauchen. Dient z. B. der Hirst-Disney-Schwachsinn in den Pinault-Häusern auf seine Weise nicht auch politischen Zwecken? 



Von den vielen Beiträgen zum Thema Martin Roth sind hier einige deutschsprachige Artikel:

Tagesspiegel 3.5. Lernen von Aserbaidschan

BZ 9.5. "Was ich in meinem Leben nicht akzeptiere, sind Redeverbote"

FAZ 11.5. Keine Kunst für England, aber für Aserbaidschan?

Deutschlandfunk 11.5. "Ich stehe ja schon beinahe für diese Art Dialog"

Tagesspiegel 12.5. Aufregung um Aserbaidschan-Pavillon

Deutsche Welle 12.5. Kurator Martin Roth verteidigt Biennale-Auftritt für Aserbaidschan




Der Anspruch, die unterschiedlichsten Azerbaijaner*innen über ihr Leben in ihrer jeweils eigenen Sprache berichten zu lassen, scheint tatsächlich zunächst in der medialen Darstellung des Eingangsbereichs nicht eingelöst zu werden, da man die Texte nur schwer lesen und kaum hören kann. Über alle diese Personen gibt es aber in Piano nobile Filme zu sehen (mit sehr gut lesbaren englischen Untertiteln), so einfach und gleichzeitig fesselnd, dass mir meine Tagesplanung völlig verrutschte. Ich sass und war hingerissen. 
Die weiteren Ausstellungsräume enthalten Musikinstrumente in wunderbarer physischer Komposition. Teilweise unbekannt, oder zumindest ohne Vorstellung ihres Klangs. Zur Ergänzung der optischen Ästhetik hätte es mir gut gefallen, auf ein paar Kopfhörern auch akkustische Kompositionen zu hören. 



Natürlich muss ich davon ausgehen, dass regimekritische Künstler*innen nicht zu denen gehören, die per Biennaleauftritt Förderung durch die Staatskultur genießen. Dass ich hier vermutlich die Werke angepasster Künstler*innen sehe und ziemlich sicher sein kann, dass die Mehrzahl der unangepassten keine Chancen hat. In nicht autokratischen Ländern bestimmt "der Markt" die Chancen von Künstler*innen - weniger rigide? Also freue ich mich am Kunsterlebnis im Pavillon der Azerbaijaner*innen, nehme einen Kaffee auf dem Campo und ziehe ein Haus weiter in die Ausstellung eines Landes, das auf Basis einer anderen Weltanschauung ebenfalls "Staatskultur" betreibt.


Abel Barroso, Kuba, Palazzo Loredan

Kubas "Tiempo de la Intuiciòn" (nicht zu verwechseln mit der Axel Verwoordt-Ausstellung "Intuition" im Palazzo Fortuny!) zeigt 15 überwiegend männliche Künstler und ihre Variationen von berauschender Kreativität im eher gesetzten Bibliotheksambiente des Palazzo Loredan, des zweiten Gebäudes des Istituto Veneto di Scienze Lettere ed Arti am Campo Santo Stefano.

In der Eingangshalle (ein Androne mit einem für ein venezianisches Haus ungewöhnlichen Grundriss) steht man zunächst im "Panteon Veneto" und darf nicht die kubanischen Ausstellungsteile im Archivbereich rechts der Monumentaltreppe übersehen. Hier ist es eng und niedrig, hier sieht man Fotos von René Pena und Filme (eine Performance bei Ausstellungseröffnung) von Carlos Martiel, die enorm witzigen Holzcomputer von Abel Barroso, die geheimnisvoll im Dunkeln präsentierten gläsernen Waffen von Reynier Leyva Novo und weiter Werke von Ivan Capote, Roberto DiagoRoberto Fabelo und Jose Manuel Fors   


Roberto Diago, Kuba, Palazzo Loredan

Im Obergeschoss, flankiert von den wunderschönen alten Bücherregalen, der Massenaufmarsch von Madonnen aller Art von Meira Marrero und und Jose Angel Toirac, Arbeiten von Aimée GarciaMabel PobletEsterio SeguraJose Yaque und Wilfredo Prieto, alles toll und vielleicht revolutionsmäßig fidel angepasst, aber frischer, lebendiger und überraschender als manches, was bei "Viva Arte Viva" präsentiert wird. Es gefiel mir enorm. 
Ein junger Aufpasser steht auf dem Winzbalkon zum Rio S. Vidal und raucht, winkt und wedelt, wirft die dann Kippe in den Kanal und kommt rein: "Sie haben doch sicher Fragen?" Es schließen sich dem Gespräch noch ein paar Besucher*innen an und es entsteht eine lebhafte Diskussionsrunde. Gefällt mir.

Achtung: der Palazzo Loredan hat etwas unangepasste Öffnungszeiten: Mo bis Fr 11-17 Uhr, So geschlossen!

Ergänzung 18 Stunden später: ein Artikel zu kubanischer Kunst aus "Hyperallergic", soeben veröffentlicht, passt zu meinem Loblied auf die kubanische Kreativität.


Jose Yaque, Kuba, Palazzo Loredan

Zurück zur Accademiabrücke (und vorbei an den Nervensägen, die "Unterschriften gegen Drogen" sammeln - eigentlich sammeln sie dumme Tourist*innen). 
Dort versteckt sich rechts an der Ecke, über eine der kleinen Brücken am Rio S. Vidal in einem kleinen Häuschen mit Garten zum Canal Grande der diesjährige Pavilion of Humanity mit dem Projekt "Objection" von Michal Cole und Ekin Ornat. Zwei unangepasste Frauen aus der Türkei und Israel, die ihren Widerspruch als Künstlerinnen ausdrücken gegen die klaustrophische und uniformierte Männerwelt und die blasse Schlafzimmerwelt der Frauen. Sehenswert und doch gruselig in diesen winzigen Zimmerchen, die wie ein deutsches Einfamilienhaus der Nachkriegsjahre wirken -  aber immer schön mit Blick und Ohr auf die Menschenmassen, die sich die Accademiebrücke rauf- und runterschieben sowie den lieblichen, aber dem Publikum verbotenen, Garten am Canal Grande. Ach. Die Realität.


Objection, Machal Cole

Das kleine Häuschen wird im Informationsmaterial "Casetta Rosa" genannt, und das mag dazu verleiten, es für das rote Haus D'Annunzios zu halten, aber das ist ein bisschen weiter rauf den Canal Grande, gegenüber der Sammlung Guggenheim. Das kleine Haus gehört zum Palazzo Civran Badoer Barozzi, der auch an diesen Garten grenzt. Da hinein ist die Signora gezogen, die bisher diese kleine Welt bewohnte, und ihr Sohn wird das Häuschen übernehmen, wenn die Biennale vorbei ist. Habe ich mir von der freundlichen Aufpasserin erzählen lassen. 
Manchmal passt alles zusammen, die Kunst und das Leben, und die Widersprüche muss man sich dazu denken. 

Objection, Ekin Ornat


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