30. Dezember 2015

Wohnen in venezianischen Klöstern, Wohnheimen, Stiftungen


Fast auf den Tag 5 Jahre alt ist mein Eintrag vom 28.12.2010 "Übernachten in venezianschen Klöstern", er wurde 3 Jahre lang ergänzt (bis 26.12.2013) und kommentiert. Er ist zu meiner permanenten Verwunderung der am häufigsten aufgerufene Eintrag von bisher 493 (!) und das Interesse daran lässt nicht nach. Eine Aktualisierung habe ich deshalb schon seit langem vor, denn die Sache hat sich weiter entwickelt. Es gibt mehr Angebote als vor 5 Jahren, es gibt Verbesserungen und mehr Erfahrungen seitens der AnbieterInnen wie auch der NutzerInnen. 

Auch die Bloggerin blickt etwas besser durch, z. B. in der Frage der Trägerschaft. Klöster können ihre Räume verpachten an Stiftungen oder Träger von Wohnheimen (oder Mischversionen), dann hat man es als Gast mit Angestellten der betreffenden 'weltlichen' Institution zu tun. Sie haben von Haus zu Haus unterschiedliche Kompetenzen, die bis zur Preismitgestaltung gehen können. Oder das Kloster vermietet selbst, dann hat man es als Gast mit Ordensleuten zu tun, möglicherweise aber auch mit externen Angestellten, die nicht dem Orden angehören. Autorität und Entscheidungskompetenz hat dann die Ordensleitung in Rom.
In den 5 Jahren wurden viele Websites upgedatet, der Service in den Häusern allgemein besser und die Preise angehoben. Vor allem für kleine Gruppen wie Familien oder Freundes- bzw. Interessengruppen auf Reisen ist aus meiner Sicht deshalb weiterhin die Anmietung einer 'Ferien'wohnung die günstigste und individuellste, aber auch servicefreie Unterkunftsmöglichkeit in Venedig. Es sind weitere Einrichtungen auf dem Sprung, Klösterunterkünfte anzubieten bzw. die Gebäude ehemaliger Klöster als preisgünstige Zimmervermietung mit eingeschränktem Serviceangebot herzurichten. Dieser Eintrag wird also ergänzt wie der erste Klosterbericht, wenn es Neuigkeiten gibt.

Erfahrungsberichte und Empfehlungen von LeserInnen sind wieder sehr willkommen als Kommentar oder als Mail, das dann von mir nach Rücksprache mit dem/der KorrespondentIn als Ergänzung meines Textes aufgenommen werden kann.




UPDATE DER HÄUSER

Mit einem Eintrag vom 23.6.2011 schrieb ich einen kritischen Bericht über die Casa Caburlotto, mittlerweile haben KorrespontentInnen widersprochen und weisen ausdrücklich darauf hin, dass es weiterhin sehr sauber sei, der Kaffeeautomatenservice aber ersetzt durch ein sehr ordentliches Frühstücksbüffet mit unbegrenztem Kaffeenachschenken in einem angenehmen Raum. Es gibt keine schlechten Gerüche und auch keine blinden Fensterscheiben mehr wie von mir erlebt. Die MitarbeiterInnen sind externe Angestellte, gästeorientiert und freundlich. Die Preise sind leicht gestiegen und saisonangepasst. Meine KorrespondentInnen empfehlen die Casa Caburlotto ausdrücklich. Weiterhin ist der ÖPNV relativ nah (Piazzale Roma), also 3 Brücken Gepäckzerren. Weitere Informationen auf der neuen Website Casa Caburlotto.

Das zweite Haus Caburlotto "Istituto San Giuseppe" in Castello wurde nicht ausprobiert. Es ist kleiner, lädt speziell Familien ein und jedesmal, wenn ich über die Ponte della Guerra gehe, ist der Innenhof voller spielender quiekender Kinder. Vielleicht eine Empfehlung, wenn man mit Kindern unterwegs ist, die hier leichter Anschluss an andere Kinder finden mögen als im Hotel.



CamplusLiving im Redentore hat vor 5 Jahren schon gearbeitet, aber noch nicht mit voller Genehmigung und war deshalb noch sowas wie ein "Geheim"tipp, regelmäßig gebucht von einer Sprachschule, die ihren TeilnehmerInnen dort eine sehr günstige Unterkunft vermittelte. Seit diesem Jahr ist alles in trockenen Tüchern und offiziell, und prompt machen die Preise einen deutlichen Satz nach oben. Die Sache rechnet sich trotzdem, denn günstiger kann man in Venedig aus meiner Sicht nicht wohnen. 
Die Vorzüge des Hauses habe ich selbst mehrfach ausprobiert: Standort Giudecca - der Trubel der Innenstadt ist weg, sobald man das Vaporetto verlässt. Alle Zimmer gehen von einer Manica lunga (schlauchtartigem Flur) auf den herrlichen Klostergarten. Weitblick auf die Laguna Sud, die Türme von S. Elena, S. Giorgio Maggiore, S. Giorgio dei Greci, S. Francesco della Vigna (leider auch auf die Riesenschiffe, die durch den Canale della Giudecca kommen und gehen), zu hören ist in der Stille das ländliche Gequake von Hühnern, Tauben, Möwen. Neben dem Komfort von 5 Gemeinschaftsräumen für die Gäste gibt es die 2015 erneuerte Kücheeinrichtung, Wasch-,Trocken-, Getränke- und Snackautomaten und den unvergleichlichen Gästegarten zur Laguna Sud. Keine Rede von Hotelliegestühlen oder dergleichen, aber draussen sitzen, essen, internationalen Kontakt haben und den wunderbar weiten Blick über die südlichen Inseln bis zur Ausfahrt von Malamocco und den Sonnenuntergang genießen. 
Die Einrichtung ist einfachst aber flexibel: Bett (80 cm breit), Stuhl, Schrank und Nachttisch in jedem Zimmer, als Option ein Kühlschrank, ein Schreibtisch, ein weiteres Bett für dicke Singles (dann wird es allerdings sehr eng) ohne Preisaufschlag. Zu zweit kann man in einer der engen Zellen nicht wohnen aus meiner Sicht. 
200 m von der Haltestelle Redentore, keine Brücke, direkt hinter der Redentorekirche.
Minuspunkt des Hauses: es hat viel Jugendherbergsatmosphäre (für mich), angenehm locker aber laut und flippig, Gequatsche vor den Zimmertüren statt in den Zimmern oder Gemeinschaftsräumen, großzüge Auslegung von Regeln bzgl. Küchennutzung, Abfallentsorgung... naja. Jede/r nach seiner/ihrer Fassong ebent, keine Lust zu diskutieren.
Verfahren: über die Website eine Anfrage (italienisch, englisch) mit den Aufenthaltsdaten mailen. Es kommt ein Angebot, das man bestätigt, wenns passt, oder ggfs. diskutiert. Wenn eine Rückbestätigung kommt, ist die Reservierung fix, bezahlt wird am Ankunftstag. Weitere Details.
Das Redentorekloster gehört dem Kapuzinerorden, hier wohnen separiert vom Gästetrakt Mönche, es finden Seminare zur Priesterausbildung statt. Die zweieinhalb Etagen des Gäste- und Studierendenwohnheims CamplusLiving sind verpachtet an die Fondazione Falciola, die eine Reihe ähnlicher Heime betreibt. 


Domus Ciliota war vor 5 Jahren noch in der Aufbauphase und hat sich, wenn man von seiner neuen Website ausgeht, sehr entwickelt. Ich kenne das Haus nur von außen, ein Korrespondent wohnte dort 2 mal eine Woche, hatte nichts zu meckern und durfte auf seine Bitte die ehemalige Klosterkirche SS. Rocco e Margarita besichtigen. (Nicht zu verwechseln mit S. Rocco.) Das Haus liegt mitten im Sestiere S. Marco eher ruhig in einem Innenhof direkt hinter dem Campo S. Stefano. Erreichbar von S. Angelo (1 Brücke), S. Samuele (keine Brücke) und Accademia (Accademiabrücke).



Das  Centro Culturale Don Orione sitzt im ehemaligen Kloster der Jesuaten (später Dominikaner) an den Zattere zwischen den beiden dazu gehörigen Kirchen S. M. del Rosario und S. M. della Visitazione. Ich kenne wenig davon durch von Biennaleausstellungen im Innenhof, in der Kirche S. M. della Visitazione und in einigen Parterreräumen, aber niemanden, der/die dort schon übernachtet hätte. Viel Lob auf Tripadvisor, aber ich lese solche Seiten mit Skepsis und Zurückhaltung. Die Website macht keine Angaben zu den Preisen. Der Haupteingang ist jetzt nicht mehr am Zattereufer sondern ein paar Meter weiter am Campo S. Agnese. Wunderbare Verkehrsanbindung über Haltestelle Zattere und Accademia ohne Brücke. 

Zimmer in klösterlichen Einrichtungen können übrigens auch über Vermittlungswebsites gebucht werden. 
Monastery Stays 
Booking Monastery 
L'ospitalità religiosa su misura 
Hospites


Weiter mit venezianischen Unterkünften: bisher ungetestet ist das Istituto Canossiano im ehemaligen Kloster S. M Immacolata mit fast 100 Betten für Studierende und TouristInnen an der Fondamenta de le Romite (auf manchen Stadtplänen auch 'delle Eremite'). Die Kirche wurde jahrelang renoviert (das mittlere Foto habe ich vor Jahren im Vorbeigehen bei angelehnter Tür geschossenund für diese Website zur Verfügung gestellt) und ist auch nach Fertigstellung leider nicht geöffnet. Möglicherweise Besichtigung durch Hausgäste? Von den Zattere nur ein paar Schritte durch die Calle Trevisan und über die Brücke (von der Haltestelle S. Basilio 2 Brücken).



Eine neue Website hat das Ferienhaus der Salesianer "Don Bosco" in Castello direkt bei den Biennale Giardini. Kein ehemaliges Kloster, keine Kirche, aber eine wunderbare Lage nahe der Haltestelle Giardini, ohne Brücke zu erreichen, und mit dem Luxus einer Dachterrasse. die den Blick über das S. Marco-Becken erlaubt. Ich kenne es leider nicht, bin aber entschlossen, es bei nächster Gelegenheit kennenzulernen. (Und werde berichten, falls mir nicht jemand zuvorkommt.)
Ergänzung 7.1. durch eine Korrespontin per Mail:
Zu den Salsianern: Dort wohne ich schon seit Jahren und fühle mich immer wohl. 2015 Ez 55,--, sehr einfach mit Dusche und WC, sehr oft neue Handtücher, incl. Frühstück. Dieses wird im "Saal" an langen Tischen eingenommen. Sebstbedienung,  Kaffeeautomaten (schmeckt mir) Brot, Butter, kl Käse, Süsses, Saft, Joghurt mit und ohne Geschmack. Großer Kühlschrank ,um etwas zu deponiern, so kann man auch sein Mitgebrachtes  durchaus abends dort verzehren.  UNSCHLAGBARE LAGE FÜR  DIE BIENNALEN.   K.G.
Herzlichen Dank für die Information!



Die Forestiera Valdese hatte vor 5 Jahren noch keine Website und nur einige Gemeinschaftsschlafzimmer zur Verfügung, die Haustür war immer zu. Das Angebot im Palazzo Cavagnis wurde ausgebaut, es gibt ein Kulturangebot mit Vorträgen und Konzerten, die Haustür ist offen und die freundliche Rezeptionistin lud mich auf meine Bitte ein, im Parterre die beeindruckende Kirche der Waldenser im Parterre zu besichtigen. (Neben der deutschen Kirche S. Angelo Custode die einzige protestantische Kirche in Venedig, glaube ich.) Das Zimmerangebot habe ich nicht ausprobiert, aber die Website finde ich einladend. Leider mitten in Castello, kein Vaporettohalt in der Nähe, erreichbar über S. Zaccaria, Ospedale, Rialto und jeweils diverse Brücken.



Im September 2013 eröffnete im ehemaligen Kloster des Ordens der Crociferi neben der Jesuitenkirche S. M. Assunta an den Fondamente Nove ein neues Wohnheim mit 255 Betten für Studierende: WE Crociferi. Perfekte Lage (nur 1 Brücke) am Campo dei Gesuiti, 10 Minuten bis zur Piazza durch den wuseligsten Teil von Cannaregio und dann San Marco, ein Vaporettoknotenpunkt quasi vor der Haustüre und trotzdem eine sehr ruhige Ecke. Es ist keine klösterliche Einrichtung, WE Gastemeco ist ein ganz normales profitorientiertes Unternehmen. Während der jahrelangen Renovierung des Gebäudes am Rio dei Gesuiti mit 2 großen Kreuzgängen gab es kontroverse Diskussionen um die Nutzungswünsche der BürgerInnen des Sestiere. Und es gehörte zur Planung, zumindest während der Sommerferienmonate einen Teil der vielen Zimmer auch an TouristInnen bzw. VenedigbesucherInnen für längerfristige Aufenthalte zu vermieten, also fürchteten die kleinen Hotels in der Nähe die Konkurrenz. Versprochen wurde die Einbindung der Nachbarschaft durch öffentliche Kulturveranstaltungen, mehrere öffentliche Lokale mit Zugang zu den Kreuzgängen etc., und mit einem guten Jahr Anlauf sind die Angebote des Hauses öffentlich. 2 Bars und 1 Restaurant mit großen Innen- und Außenbereichen (auf dem Campo und in den Kreuzgängen), Veranstaltungen, Kursangebote. Der Wohnbereich der Residenti ist privat, schön ohne Schnörkel und funktional eingerichtet, der ganze Komplex ist beeindruckend und ich finde es wunderbar, dass er nach langem Leerstand so gut renoviert wurde und wieder genutzt wird. Aber leider nicht so preiswert wie erhofft, deutlich teurer als alle anderen Angebote auf dieser Liste. Die BASISpreise sind ok, aber mit dem Argument der vielen optionalen Serviceangebote (die aber natürlich separat gezahlt werden, und auch die Bars werden zum "Service" geschlagen) sind die Komplettpreise  in Höhen, bei denen für die Studierenden gut verdienende Eltern unabdinglich sind und TouristInnen leicht eine nette 60 qm Ferienwohnung mit Küche und Waschmaschine für sich allein finanzieren können. Zum Preis der Hälfte eines geteilten 2er-Apartments, wohlgemerkt. Ich habe 3 mal zu verschiedenen Zeiten angefragt und 3 mal wegen des Preises (für das allein zu nutzende 2-Einzelbetten-Appartment) wieder Abstand genommen. Deshalb ist auch dieses Haus bisher ungetestet. Steht auf meiner Agenda.
Ergänzung 7.1. durch die Korrespondentin K.G., die auch über die Salesianer berichtet hat:
2015 war ich etwas zu spät bei der Reservierung. Hatte das Filmfestival übersehen, und so bin ich im WECrociferi gelandet. Schöne Nachbarschaft. Zum Biennalegelände Bootszeit einplanen. Zimmer für zwei, auch alleinige Nutzung, teilweise mit Kühlschrank. Einrichtung modern. Sehr schön alles. Frühstück im "Restaurant". Ähnliches Angebot wie bei den Salesianern. Nur. ab der 2.Tasse Kaffee kostet´s. Mal 1,-, mal 1,25. Je nach Bedienung. Während meines Aufenthaltes wurde eine kleine, feine Auststellung eröffnet. Künstler mit Anhang wohnte auch dort. Vielleicht hilft dieses einigen. K.G.
Vielen Dank für die Information!



Eine Stiftung für Musikstudien: Fondazione Ugo e Olga Levi bietet im Palazzo Giustinian Lolin am Canal Grande 20 Räume und ein Appartmenthaus auf dem Lido an. Entsprechend den Zielen der Stiftung wohnen hier MusikwissenschaftlerInnen, MusikerInnen, Chöre und andere KünstlerInnen zu kleinen Preisen. Aber die Zimmer werden auch an Gäste vermietet, die nicht forschen oder etwas aufführen, sondern einfach eine Kunstreise nach Venedig planen. Ich habe dort 4 Nächte verbracht - ein sehr schmales Einzelbett, ein sehr komfortables großes Badezimmer, ein gutes Frühstück und z. T. prominente Gesichter an den anderen Tischen. Freundliche Angestellte und mit etwas Glück gibts ein Konzert im sehr schönen Konzertsaal (in dem z. B. auch immer anlässlich der Artnight Konzerte stattfinden).Schräg gegenüber der Accademia, Fussweg über die Accademiabrücke und die erste kleine Brücke bei S. Vidal.



Die Stiftung Giorgio Cini bzw. das zur Stiftung gehörige Centro Vittorio Branca biete keine touristischen Unterkünfte, sondern nach Bewerbung und Auswahlverfahren die Möglichkeit eines Arbeitsaufenthaltes in Venedig. Gilt GeisteswissenschaftlerInnen, gewohnt wird in klimatisierten Einzelzimmern mit Bad und Kochecke auf der Insel S. Giorgio Maggiore. Voraussetzung ist die schriftliche Bewerbung mit einer Darstellung (1 Seite) des Forschungsprojektes (Kunstgeschichte, Geschichte, Theater- und Musik-, Kunstwissenschaften, Literatur in Beziehung zur italienischen Kultur). Nicht entscheidend ist der Zweck der Arbeit - Abschluss, Diplom, ein Buchprojekt o. ä. - aber die Option, die Bibliotheken und Archive der Stiftung zu nutzen, zählt. (Siehe auch Eintrag 4 Wochen auf S. Giorgio Maggiore vom 26.1.2014.)



Das Universitätspastorat bietet je ein Wohnheim in Cannaregio (S. Fosca im ehemaligen Servi-Kloster) und auf der Giudecca (beim Redentore, nicht zu verwechseln mit CamplusLiving oben) für aktiv christliche Studierende an. (Das noch genannte Heim S. Michele sitzt in Mestre.) Während der Sommermonate werden die Räume auf Nachfrage auch an TouristInnen vermietet. Habe ich weder näher recherchiert noch ausprobiert. Wer sich als Studierende/r um ein Zimmer bewirbt, muss Details zu seinem aktiven Glaubensleben etc. kundtun, ob das von TouristInnen auch erwartet wird - keine Ahnung. Für mich wäre es jedenfalls keine Option. 




Voraussichtlich ab Mitte 2016 wird der Malteserorden Italiens, Großpriorat Lombardei und Venedig an seinem Sitz in Castello Ferienappartments vermieten. Die Gebäude auf der ganzen linken Seite der Calle dei furlani (auf der Zeichnung die Reihe kleiner Gebäude in der unteren Hälfte), die ehemals für die Zwecke des Ordens = Pflege Kranker und Verwundeter, Sorge für PilgerInnen auf dem Weg nach und von Jerusalem, genutzt wurden, werden derzeit in verschiedenen Größen entsprechend umgebaut und eingerichtet. Der Garten auf dem Bild, einer der größten Gärten in Venedig und derzeit eine schlichte große Wiese, soll im Stil des 15. JH wieder hergerichtet werden und dann für die BewohnerInnen, aber gegen ein kleines Eintrittsgeld auch für externe BesucherInnen,geöffnet sein. Ich schreibe demnächst einen Blogeintrag zum Thema Johanniter-/Malteserorden und werde über den Fortschritt bei den Appartments berichten. 




Häuser, die auf der Liste von 2010 stehen aber jetzt nicht mehr auftauchen, sind entweder geschlossen (Collegio Armeno Ca' Zenobio), oder ich habe sie mittlerweile besucht/angefragt und festgestellt, dass sie ausschließlich an StudentInnen vermieten und nicht an TouristInnen (z. B. Suore Salesie, Casa Capitano) oder sie gehören aus anderen Gründen nicht oder nicht mehr auf diese Liste.

Ergänzung 25.2.2016
Von KorrespondentInnen erfahre ich, dass die christlichen Häuser wegen des Heiligen Jahres 2016 von Reisegruppen überlaufen sind. Und dass deshalb, im kapitalistischen Rahmen von Angebot und Nachfrage, die Preise deutlich über den normalen Standard liegen. Wer als EinzelreisendeR das Glück hat, ein freies Zimmer angeboten zu kommen, muss mit Hotelpreisen rechnen.


Ergänzung 19.4.2016
Ende März habe ich ein neues "Hostel"-Angebot getestet, das ehemalige Istituto Solesin in Dorsoduro, anscheinend früher ein Säuglingsheim, das jetzt Einzel- bis Familienzimmer vermietet unter dem Namen Casa Accademia. Für ein EZ mit Dusche (beide eher groß) habe ich 55 €/Nacht gezahlt. WLAN im Zimmer, kein Frühstück aber die üblichen Kaffee- und Snackautomaten. Vergleichsweise ruhig dank verwinkelter Bauweise (also keine lärmförderliche Manica lunga wie z. B. im Redentore), freundliche MitarbeiterInnen an der Rezeption. Man bekommt Hausschlüssel. Der Eingang an der Fondamenta Bradagin ist ein Tor zu einem Gässchen, das zur Haustür führt, liegt zwischen den beiden Gebäuden des Hotel American. Vaporetto 1 und 2 Haltestelle Accademia, oder Zattere per Linie 5.1 und 5.2, vom Piazzale Roma deutlich schneller; in beiden Fällen jeweils 1 Brücke von der Haltestelle. Die Betten sind christlich = extrem schmal, ich kenne das mittlerweile, hier ist das Zimmer groß und der Fussboden sauber genug, dass man die Minimatratze nachts auf den Fussboden legen kann. Es gibt eine Dachterrasse, die im März leider noch nicht geöffnet war, im Sommer sicher toll. Eine empfehlenswerte neue Option, finde ich.

Ergänzung 10.11.2016
Anfang November habe ich eine Woche lang ein Klosterangebot getestet, das bereits auf meiner ersten Liste stand, aber damals noch keinen Internetauftritt hatte. Es wurde in einem Kommentar von Georg Eichinger gelobt, aber nicht empfohlen wegen der komplizierten Buchung.
Das war damals, heute ist das Haus zu loben und zu empfehlen:
Casa Cardinal Piazza in Cannaregio. Eines der wenigen Klosterangebote, das tatsächlich von (sehr freundlichen und ziemlich professionellen) Nonnen betrieben wird. 
Die beiden Palazzi ganz am Ende der Fondamenta Gasparo Contarini (an der Ecke Sacca della Misericordia) teilen sich in die Klosterklausur, ein Altenheim und das Gästehaus und einen großen gemeinsamen ummauerten Garten (naja, fast schon Park) zur Laguna Nord. Der Garten ist schattig und bietet vielen Grüppchen und Individuen Platz und Sitzgelegenheit, um sich zurückziehen zu können. 
Im Angebot sind Einzelzimmer (derzeit 50 € bzw. 55 mit Frühstück), Doppelzimmer (75 bzw. 85 €), 3bettzimmer (100/115 €), 4bettzimmer (115/125 €), 5bettzimmer 125/135 €). Das Büffet-Frühstück besteht aus Müsli, Cornflakes, Brot, Frischobst, Marmelade-Streichkäse-Süssgebäck-Saft-Butter jeweils in Verpackung, Kaffee, Tee, Milch. Mein EZ ging zum Park, mit Sessel und nicht ganz so spartanisch schmalen Bett schon recht bequem, das Duschbad von komfortabler Größe mit ebenfalls großem Fenster zum Park.

Geräuschdämmung gibt es nicht, die Anwesenheit von z. B. Schulklassen ist aus Fluren und Zimmern gut zu hören. Die Gebäude sind irgendwie verzwickt gebaut, Gruppenräume auf verschiedene Etagen verteilt, es kann also schon mal etwas turbulenter werden, auch nachts. Rücksichtnahme wird voraus-, aber nicht unbedingt durchgesetzt, mit anderen Worten, wer einen kontemplativen, ungestört stillen Aufenthalt sucht, braucht einen anderen Ort. Positiv formuliert: Familien müssen ihre Kinder nicht dauernd disziplinieren, Klassenfahrten sind vielleicht unbekümmerter zu genießen als anderswo. Ich finde, das sollte man gönnen und wertschätzen. 
Wlan gibt es in einem Gruppenraum im Parterre, der aber groß genug ist, dass sich dort ggfs. viele Gäste mit Notebooks aufhalten können. 
Buchung: Anfrage über die oben verlinkte Seite, innerhalb von 48 Std. kommt eine Rückmeldung, DANN erfolgt die Buchung, 1 Nacht ist als Bestätigung im Voraus zu zahlen.

Die Haltestelle Madonna dell'Orto ist 10 Minuten zu Fuss ohne Brücke entfernt, die Haltestelle Ca'd'Oro ungefähr gleich weit, aber 4 (!) Brücken.






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26. Dezember 2015

Bewertungen


Die allgemeine Bewerterei im Internet ist eine Krätze. Sie wird gerne Feed back genannt (für AnbieterInnen von Waren und Dienstleistungen) oder Entscheidungshilfe für VerbraucherInnen und auf jede Onlinerechnung folgt die Aufforderung, eine Leistung, ein Produkt, einen Menschen oder auch nur irgendeinen Kram zu beurteilen. In meiner frühen Social-Media-Erprobungsphase 2007/2008 habe ich fleißig mitbewertet, das aber bald gelassen, als mir das Niveau aufging (nicht zuletzt anhand meiner eigenen Bewertungen). Ich bewerte grundsätzlich nicht mehr auf Aufforderung und vermeide möglichst, Bewertungen zu lesen. Was und wozu nützt mir der persönliche Geschmack unbekannter Menschen?

Gestern bot mir Google bei einer Recherche den persönlichen Geschmack eines Venedigreisenden an. Danach hatte ich nicht gefragt, aber ich habs gelesen, tja, und mich doch ziemlich gewundert.
Steve B. aus Ontario, Canada, leistet sich mit Familie eine Reise von anscheinend mehr als einem Monat in Südeuropa und gibt seinen Senf dazu. Vom 19.-21.12.2015 schreibt er 5 Einträge über seine Erfahrungen in Venedig.

(Ich habe den englischen Text aus einem Reiseportal kopiert und meine Übersetzung angefügt.)

San Marco
The price was right. Free. You get what you pay for. This is one weird church, even for the catholic cult. 
It was interesting for it's weirdness. Hard to imagine it's part of the same organization that bought us St. Peter's basillica. Even the outside is bizarre.

Der Preis stimmte. Gratis. Du kriegst, was Du zahlst. Dies ist eine seltsame Kirche, sogar für den Katholizismus. Das Interessante daran ist ihre Abgedrehtheit. Schwer vorstellbar, dass sie zur gleichen Organisation wie St. Peter gehört. Sogar das Äußere ist bizarr.



Dogenpalast
The best thing I saw in Venice. Light years ahead of the weird church next door. Take the secret rooms tour. I'm not usually a fan of tours but this one was very good.

Das Beste, das ich in Venedig gesehen habe. Lichtjahre besser als die schräge Kirche nebenan. Ich empfehle die 'Geheimzimmer' Führung. Ich bin kein Freund von Führungen, aber diese war sehr gut.


Piazza S. Marco
Too many poop hawks. If you need to pee you need to pay to do so, or go on a museum tour or over pay to eat at a restaurant. 
The church is a weird gaudy mess. Like much of Venice I am pleased to have seen it but I will never go back. Too many better places to go. Sicily for one. I would go back there.

Zu viel Vogelkacke. Wenn du pinkeln musst, musst du dafür zahlen oder in ein Museum gehen oder in ein Restaurant mit überteuertem Essen.
Die Kirche ist eine komische schrille Sauerei. Ich bin schon froh über das meiste, das ich in Venedig gesehen habe, aber ich gehe da niemals mehr hin. Zu viel Besseres, wo man hingehen kann. Zum Beispiel Sizilien. Da würde ich wieder hinfahren.



10 € für einen Liter Hauswein
Best price we could find in Venice for house wine. It had a nice kick too!
My son had the seafood mix with polenta and I had the triple 'creamed fish' with polenta. 
It was something different. It wasn't overly exciting but it was good and made for a good lunch. It was the least salted meal I had in Italy so that was good.
The mixed seafood can be a bit different each time depending on what's available. This time it came with anchovies, sardines, calamari, squid and a type fish. Most of it fried.
I also tried the mozzarella sardine fried sandwich. Tasty and less than 2 euros.

Bester Preis, den wir in Venedig für einen Hauswein finden konnten. Hat auch nett geknallt!
Mein Sohn hatte Meeresfrüchte mit Polenta und ich hatte drei Sorten Fischpüree mit Polenta. Es war mal was Anderes. Nicht übermäßig aufregend aber gut, es war ein gutes Mittagessen. Es war die am wenigsten gesalzene Mahlzeit, die ich in Italien hatte, also gut.
Die Mischung der Meeresfrüchte kann unterschiedlich sein, abhängig vom jeweiligen Angebot. Dieses Mal bestand sie aus Anchovis, Sardinen, Tintenfischen und einer Fischart. Das meiste davon frittiert. Ich habe auch das getoastete Mozzarella-Sardinen Sandwich probiert, lecker und weniger als 2 €.


Venedig
After spending 10 days in Barcelona incl 2 in Tarragona, 6 days in Rome,
2 in Naples and 9 in Sicily I wasn't as impressed with Venice as I was expecting to be. It's a cool city, but it is over rated. It's basically a high end shopping mall with over priced restaurants. Even St. Mark's is a kind of gaudy mess. All the poop hawks don't help either. The grand canal is ok. If you want to see a cooler canal go see the Panama canal.

Nach 10 Tagen in Barcelona, 2 in Tarragona, 6 Tagen in Rom, 2 in Neapel und 9 in Sizilien war ich von Venedig weniger beeindruckt als ich erwartet hatte. Eine coole Stadt, aber überbewertet. Im Wesentlichen ist das eine Luxuseinkaufsmeile mit überteuerten Restaurants. Sogar S. Marco ist sowas wie ein schrilles Durcheinander. Die Kacke überall macht es auch nicht besser. Der Canal Grande ist ok. Wer einen besseren Kanal sehen will, sollte nach Panama gehen.





Ich kenne Panama nicht, aber ich glaube auch, dass nicht alle Menschen in Venedig das finden können, was sie auf Reisen suchen. Und dass nicht alle das angemessen wahrnehmen, geschweige wertschätzen können, was an der schönsten Stadt einzigartig und unvergleichlich ist. Für sie gibt es glücklicherweise jede Menge Alternativen - z. B. Panama.

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20. Dezember 2015

Getestet: die Schätze des Dogen

Der alte Doge Francesco Foscari und der Markuslöwe
Porta della carta zwischen San Marco und dem Dogenpalast
Bitte vorab lesen: Eintrag vom 3.4.2015 Die verborgenen Schätze des Dogen, die weiterführenden Links sind hier bereits enthalten.

Erst im Herbst habe ich Zeit für diese neue Führung gefunden. Und die Teilnahme lohnt sich wirklich. 
Da ich im Eintrag über die Führung der "Geheimwege" die Attitüde der Führerin beklage, muss zunächst erwähnt werden, dass es sich dieses  Mal bei der englischsprachigen Führung um eine Kunsthistorikerin mit exzellent verständlichem Englisch handelt, die entspannt, kompetent und ohne jede Showambition allgemeine wie auch sehr detaillierte Informationen fließen liess. Zum Dogenpalast und seiner Baugeschichte, zum Bauensemble der Piazza und der Piazzetta, zu den Zusammenhängen Dogenpalast und Basilika San Marco; zu Details der Geschichte der Dogen, ihrer Funktion, ihrem Leben im Dogenappartment des Palastes; zum Dogenpalast als politischem Zentrum der Serenissima und als Arbeitsplatz verschiedenster Personengruppen; zur künstlerischen Ausstattung und Ausgestaltung der Dogenräume. Es war eine Freude, ihr zuzuhören und aus der kleinen Gruppe von nur 7 Personen kamen entsprechend interessierte Fragen. So geht eine gute Führung.


Ein neuer Blick auf die Scala dei giganti
Man startet im Innenhof, geht über die Loggia des Foscaribaus an der Piazzetta über den Arco Foscari zwischen Porta di carta und Scala dei giganti (wo man hinter der Uhrenfassade unvermittelt vor dem riesigen runden Fenster des südlichen Querbaus von San Marco steht - wow!). Man blickt vom Balkon des Arco Foscari hinunter auf die Scala dei giganti und über den ganzen Innenhof, nochmal wow!, steigt über eine enge Treppe, bei der Stufenteile der Scala dei giganti mit verbaut wurden (kann man an ihrer Verzierung sehen) hinauf zur "hängenden Terrasse" der Dogen. Der einzige Ort im Freien, an dem Dogen sich ohne Begleitung aufhalten durften, neben der Apsis von San Marco und mit dem Blick auf die byzantinische Ostwand seines südlichen Querhauses, völlig frei von Zierrat, eine schöne griechische Fensterwand aus Backsteinen. Der schlichte Ort in der winzigen Ecke zwischen Palast und Basilika, im Zentrum dieser geballten Pracht und Macht, nur geschmückt mit einigen Zitrusbäumen in Töpfen, hat mich sehr berührt.


Die 'hängende Terrasse' der Dogen,
byzantinische Ostwand des südlichen Querhauses von S. Marco
Es folgen der ehemalige Archivraum für die Dokumente der Klösterüberwachung (den der Archivar ursprünglich nur über eine erstaunliche Hühnerleiter erreichen konnte) und über weitere extrem enge und geknickte Aufstiege die "Schatzkammer" mit massivst vergitterten Fensterchen und offenen Tresoren. Deren ehemalige Inhalte sind bis heute unbekannt, da - knapp vor der Ankunft der napoleonischen Armee 1797 - ihre Retter sich aufs Wegschaffen konzentrierten und sich Inventarlisten für die Nachwelt sparten. Zu sehen sind in den Tresoren schöne 'Auslagen', nicht der Originalinhalt.


Eine der Tresortüren der 'Schatzkammer'
Weiter treppauf-treppab und auf dem Weg des Dogen in seine kleine Kapelle vorbei an einem großartigen S. Cristoforo von Tizian, den er für den Dogen Andrea Gritti (1532-1538) ins enge Treppenhaus malte, zum Höhepunkt der Tour, die Chiesetta. Ein Juwel. (Details dazu über Links im Eintrag vom 3.4.2015, siehe Zeile ganz oben!) 
Gestaltung der Wände und der Decke (auch der Antichiesetta im Nebenraum) von Iacopo Guarana, Altar von Vincenzo Scamozzi, Skulptur (Madonna, Jesus und Johannes) von Iacopo Sansovino signiert, aber zumindest unterstützend Tommaso Lombardo zugeschrieben. Seitliches Tageslicht durch ein kleines Fenster neben dem Altar. Staunend steht man und lauscht den Erklärungen der Führerin zur wunderbaren Gestaltung beider Räume.  Durch die nächste Tür landet man im allgemeinen Rundgang, nämlich in der Sala del Senato. Ende der Führung. 


Ein Kerl und ein Baby
Tizian, S. Cristoforo (und das hübscheste Jesulein in ganz Venedig)
Die Tour ist eine beeindruckende Ergänzung und sehr zu empfehlen, wenn man den Dogenpalast schon ein bisschen kennt und vielleicht auch schon die "Geheimwege" begangen hat. Für Venedigappassionati oder 'Fachleute' egal welcher Fachrichtung ist sie unverzichtbar, da diese Nordostecke des Dogenpalastes ansonsten nicht zugänglich ist.

Geeignet für Kinder; nicht geeignet für Menschen mit Rollstühlen; teilweise können Menschen mit Gehhilfen nicht alle Aufgänge nutzen (aber weglassen, da es sich um Schlenker der Tour handelt und die Gruppe auf gleichem Weg zurück kommt); aus meiner Sicht geignet für Menschen mit Höhen- oder Tiefenangst.
Fotografieren ist ausdrücklich erlaubt.


Altarskulptur der Dogenkapelle Chiesetta

Website Dogenpalast: Beschreibung der Tour englisch; Informationen und Buchungsmöglichkeit englisch
Website Dogenpalast: Beschreibung der Dogenräume (im allgemeinen Rundgang) italienisch; Beschreibung der Dogenräume (im allgemeinen Rundgang) englisch


Tourweg: Arco Foscari; Rundfenster des südlichen Querhauses (groß)
und der Apsis von S. Marco (kleiner); 'hängende Terrasse' der Dogen (Zitruspflanzen); rechts die Fassade des Dogenappartments,
in der oberen Etage die Chiesetta

Für einen normalen Besuch des Dogenpalastes sind bessere Reiseführerbücher durchaus geeignet. Wer mehr Interesse am Gebäude, seiner Geschichte und künstlerischen Ausstattung hat und öfters in Venedig ist, braucht eher ein Fachbuch. Nach meiner Meinung ist man am besten bedient mit dem Buch von Wolfgang Wolters "Der Dogenpalast in Venedig. Ein Rundgang durch Kunst und Geschichte", das über die Beschreibung des allgemeinen Rundgangs hinausgeht. Zum Studium des Gebäudes sehr übersichtlich aufgebaut, knapp und trotzdem ausführlich genug, reich bebildert, preiswert, taschentransportabel und bequem handzuhaben. Auch die Räume dieser neuen Tour werden von Wolters im Extra-Kapitel "Chiesetta und Antichiesetta" ausführlich beschrieben. 



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11. Dezember 2015

Eine Prozession auf der Piazza San Marco...

Gentile Bellini, Prozession auf dem Markusplatz 1496
... gehört zu den historischen Ereignissen, die wir uns ganz gut vorstellen können, denn es gibt viele Darstellungen. Dogenwahl, Fronleichnam, Verabschiedung der Flotte und des Capitan general dal mar, Empfang von Papst und Kaiser - aber auch Bittprozessionen und die aus Konstantinopel übernommenen Paraden der heiligen Ikonen sind uns von wunderbaren Bildern bekannt. 

In letzter Zeit fand ich beim Schräglesen italienischer Online-Schlagzeilen häufig den Begriff Prozession und "Il Giubileo" und bei näherem Nachlesen die Information, dass am kommenden Sonntagnachmittag, 13.12., eine große Prozession auf die Piazza S. Marco ziehen wird. 

Hintergrund ist das katholische "Jubeljahr" (italienisch Giubileo), das Papst Francesco außerplanmäßig angesetzt hat, um seinem Thema 'Barmherzigkeit' mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Ohne Marketing gehts nun mal nicht. Und da der Kern der Jubeljahre der Ablass ist (= Nachlass der Sündenstrafen), der nach bestimmten Vorgaben erteilt wird inkl. schriftlicher Quittung, bringt ein Jubeljahr große Pilgerbewegungen und verstärkten Tourismus, heute nicht anders als im Mittelalter. Damals nach Rom, dieses Mal auch an andere Orte wie Venedig. Auch der Touring Club Italiano hat sich mit Detailinformationen darauf eingestellt, allerdings anscheinend nur Rom betreffend. 


Ciacomo Franco, 1550-1610 Prozession auf der Piazetta
(rechts Dogenpalast, links Bibliothek, ganz vorne rechts die Todaro-Säule)
Das wichtigste Ritual (neben Gottesdienstbesuch und Beichte) scheint die "Porta Santa" zu sein, die es in allen beteiligten Kirchen gibt, die jeweils dauerhaft verschlossen ist und nur für ein "Giubileo" feierlich geöffnet wird. In Venedig ist die Heilige Tür die Porta S. Clemente der Basilica S. Marco, die während des Jubeljahres für PilgerInnen geöffnet bleibt, neben der Tür, die zum touristischen Rundgang führt. PilgerInnenrundgang und TouristInnenrundgang sind absichtsvoll getrennt und wir TouristInnen sollten darauf streng Rücksicht nehmen. 

Die römische Porta Santa wurde vom Papst am 8.12. eröffnet, die venezianische ist am Sonntag, 13.12. dran. 1000 (!) ausgewählte venezianische WallfahrerInnen aus allen Gemeinden der Stadt (und Klöstern, den Patriarchatsinstitutionen etc.) nehmen daran teil. Sie haben ein personalisiertes Badge (Pass am Band) um den Hals hängen, wirksame Sicherheitskontrollen sind geplant. 

(Das Sicherheitskonzept gilt künftig auch für andere Massenveranstaltungen wie Carnevale u. Ä.: die Piazza wird über nur einen Eingang in Gruppen und polizeilich kontrolliert betreten, der Fluss ist steuerbar und kann jederzeit gestoppt werden. Es gibt 4 Ausgänge, die auch als Eingänge für zusätzliche Sicherheits- oder Rettungskräfte funktionieren. Die Piazza ist für diese Profis in Zonen eingeteilt, die Zuständigkeit und Bewegung erleichtern. Es gibt 4 Erste Hilfe Stationen, polizeiliche Überwachung auch von oben, Pläne zur evtl. erforderlich werdenden 'Dekompression' und weitere Vorkehrungen. Siehe Artikel vom 7.12., La Nuova.)

Ein Teil der venezianischen FestpilgerInnen trifft sich, wenn ich das richtig verstehe, in S. Salvador und zieht den Weg zur Piazza, wo sich alle TeilnehmerInnen um 15:30 Uhr versammeln. Die Eröffnung der Porta S. Clemente und damit der Jubeljahres durch den Patriarch um 16 Uhr (3 x anklopfen, Tür auf...) ist ein öffentlicher Akt, und ein gewissermaßen einzigartiger (kirchen-)historischer, möchte ich hinzufügen, unabhängig von Glauben oder Nichtglauben der Anwesenden. Anschließend zieht die Prozession, zuerst die Würdenträger, dann die Gemeinde, in S. Marco ein und die Veranstaltung ist geschlossen und nicht öffentlich.

Wer nicht in Venedig ist am Sonntag, das sind die meisten von uns, kann vielleicht einen Blick aufs Ereignis werfen über die Live-Wecam am Uhrenturm (Achtung mit Ton! Nicht erschrecken, wenn plötzlich die Glocken läuten). Vorausgesetzt, sie wird nicht in schöner venezianischer Tradition abgeschaltet, solange es was zu sehen GÄBE.


Francesco Guardi, 1758
Nächtliche Prozession auf dem Markusplatz

Ergänzung zu den Sicherheitsvorkehrungen am Sonntag:
La Nuova 11.12.

Ergänzung 13.12.
Na, ob das heute 1000 PilgerInnen waren? Man darf es bezweifeln.
Bericht von La Nuova zur Eröffnung des Jubeljahres heute Nachmittag in Venedig (und Chiogga), enthält 3 kurze Fimsequenzen und viele Fotos.


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8. Dezember 2015

Venezianisches Tagebuch 8.-12.12.1649

S. Nicolò di Lido

Im Sommer fand ich im Kloster von S. Giorgio Maggiore, im kleinen Verkaufsraum vor dem Fahrstuhl zum Turm, ein Buch, das es nur dort (auch nicht online) zu kaufen gibt: Diario veneziano 1649-1650. Eine ganz besondere Leseempfehlung an historisch interessierte Venedig-Appassionati mit Italienischkenntnissen. 

Berichte von Zeitzeugen gehören zum Spannendsten überhaupt. In diesem Fall schreibt der Benediktinerpater Gabriel Bucelin des Klosters Weingarten über seinen anderthalbjährigen Aufenthalt in Venedig. Als Wissenschaftler forschte und schrieb er in diesem Monaten u. a. an der Geschichte der heilig Gesprochenen des Benediktinerordens, aber z. B. auch, im Auftrag von Ernst August von Braunschweig und Lüneburg, an der Genealogie der Herzöge von Braunschweig, und kümmerte sich gleichzeitig um den Druck seiner Werke. Regelmäßig fuhr er mit dem Boot vom Benediktinerkloster S. Nicolò di Lido zu seinem Stampatore, Drucker, in die Stadt, um die Druckarbeiten zu betreuen und zu kontrollieren. Er notiert in seinem Tagebuch Bemerkenswertes, wie z. B. in diesen Tagen vor 366 Jahren ein adventliches Ritual im Männerkloster und den viertägigen Aufenthalt venezianischer Kriegsschiffe vor seinem Zellenfenster. Kein Thema 'nächtlicher Ruhestörung' für ihn... 


Kreuzgang Kloster SS. Nicolò di Lido

8. Dezember 1649
Kloster S. Nicolò di Lido, Venedig.
Dieweil ich hierhin und dahin renne und mit dem Boot fahre, nehme ich fast nichts von der winterlichen Kälte wahr.
Ich arbeite unaufhörlich an der Geschichte der Heiligen unseres Ordens und  verkürze auf die Zusammenfassung der bemerkenswertesten Punkte.


9. Dezember 1649
Venedig.
Fünf Triremen (*), die aus der Stadt stammen oder besser aus der Reede der Stadt, überaus geschmückt und voll beladen mit Soldaten, warfen ihre Anker vor S. Nicolò di Lido und meiner Zelle für eine Rast.
Gemäß dem jährlichen Brauch haben im Konvent S. Nicolò die Oberen, unter ihnen der Ehrwürdige Herr Abt, ihre Gewänder ihrer Vorrangstellung abgelegt und zeigen sich für drei Tage gemäß dem Status ihres Berufes, als ungewöhnliche Demonstration ihrer Demut.


10. Dezember 1649
Venedig, Kloster S. Nicolò di Lido.
Mit allergrößtem Erstaunen - niemals dergleichen bis zu diesem Moment gehört, nicht einmal im Palast des Kaisers und anlässlich der Krönung des Königs und der Kaiserin - höre ich mitten in der Nacht die Trompeter der fünf Triremen der venezianischen Flotte, die auf den Schiffen wetteifern mit Trompetenstößen von solcher Kunstfertigkeit, dass ich sofort in Verzückung bin.
Durch die Windstille und die Ruhe des Meeres ganz besonders klar, wiederholen das nahe Ufer des Lido und seiner beiden Festungen die Töne nicht nur einmal, sondern unendliche Male (was ich so noch nie an einem anderen Ort gehört habe).


11. Dezember 1649


12. Dezember 1649
Die fünf venezianischen Triremen, voll besetzt mit Soldaten, die genau vor meiner Zelle im Kloster S. Nicolò vor Anker lagen, holten nach Mitternacht mit großem Kanonendonner die Anker ein und hissten die Segel, fuhren hinaus aufs offene Meer um sich gegen die Türken (**) zu wenden.

(* Trireme)

(** Krieg um Kreta)

Übersetzung des Tagsbuches aus dem Lateinischen ins Italienische: Gianna Cazzagon, aus dem Italienischen für diesen Eintrag: ebbonn.


Noch erhalten: eine der beiden Festungen des Lido-Eingangs, Forte S. Andrea


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5. Dezember 2015

Exzellent! Wasser und Nahrung in Venedig

Gabriel Bella, Jagd der Adeligen im Canal Orfano
Die Rede ist nicht von der teils zweifelhaften Gastronomie in Venedig, sondern von der Ausstellung im Dogenpalast (englische Website-Version) "Water and Food in Venice"; italienische Website-Version, etwas erweitert) "Acqua e cibo", "Geschichten der Lagune und der Stadt". Bis 14.2.2016 und ich hoffe sehr, dass die Laufzeit weit in den Sommer verlängert wird. 
Unter all den bisher gesehenen historischen Sonderausstellungen im Dogenpalast ist sie von herausragender Qualität, gleichermaßen lehrreich und spannend. Die Kooperation von WissenschaftlerInnen der Stiftung Städtischer Museen Venedigs, der Universitäten Foscari und IUAV Venedig, Padua und Lausanne, des Staatsarchivs Venedig u. A. zeigt, wie sich über die Jahrhunderte die Lebensmittelversorgung in Venedig und der Lagune entwickelte. 


Häuser, Gärten und Leerflächen beim ponte piccolo der Giudecca 1474
Da die Ausstellung unter der Schirmherrschaft der EXPO 2015 firmiert (deren Thema die Welternährung war), hatte ich eher eine Hochglanzveranstaltung erwartet, mehr Marketing als Inhalt, mehr "Show" als Ausstellung. Aber es ist eine wirklich tolle Sammlung von kostbaren alten Landkarten z. B. der Lagune und der Gebirgsflüsse, die hier münden; von Originaldokumenten z. B. zu Fisch- und Fleischmärkten, z. B. Ernährungsplänen in öffentlichen Einrichtungen; von Originaldarstellungen von z. B. Obst- und Gemüsegärten in der Stadt und auf den Inseln, den Transportwegen und -mitteln inkl. Beispielen von Versorgung durch die griechischen Kolonien. Es geht natürlich auch um die Berufe der Lebensmittelproduktion, ihre Selbstdarstellung und Bruderschaften, ausgestellt sind viele der genauen HandwerkerInnenzeichnungen und Aquarelle von Giovanni Grevembroich und natürlich auch eine Originalanleitung für eine venezianische Zisterne und weiterer Wassertechnik wie Mühlen oder Schleusen. Viele Exponate zeigen die Bedeutung der selbstversorgenden Klöster in der Stadt und auf den Inseln, herrliche Klostergärten, von denen auch heute noch die letzten existieren (Redentore, S. Francesco della Vigna etc.). 


Kloster, Gärten und Weingärten S. Andrea auf der Insel La Certosa, 17. JH
Die Kunst der KuratorInnen bestand vermutlich darin, aus den Mengen der zur Verfügung stehenden Materialien aus venezianischen Archiven und Museen auszuwählen und WEGZULASSEN. Aber auch, die Höhepunkte zu setzen in Form einer ganzen Reihe der detailfreudigen Gemälde von Gabriel Bella aus der Stiftung Querini Stampalia, wo sie z. T. extrem ungünstig hängen; und durch Werke der Meister Vittore Carpaccio (Zwei venezianische Damen, Doge Leonardo Loredan), Iacopo Tintoretto (Die Erschaffung der Tiere), Francesco Guardi (Sprechzimmer von S. Zaccaria), Pietro Longhi (Die Polenta u. a.) u. v. a., die hier auf Augenhöhe und Nasenlänge hängen, dass man sich kaum von ihnen lösen kann. Einmalige Gelegenheit physischer Nähe und Detailwahrnehmung!


Vittore Carpaccio, Doge Leonardo Loredan
Es gibt Interaktives zum Blättern und Zoomen, es gibt Videos (z. B. traditionelle Kochrezepte) und aus Originaldokumenten entwickelte 'Trickfilme', die komplexere Arbeitsvorgänge aufschlüsseln. Und es gibt z. B. eine Reihe von 3D-Modellen, die mit Licht- und Videounterstützung die Entwicklung der Klosterinsel S. Secondo darstellen, einst wichtig auf der Zollstrecke des Warenaustausches und der Lebensmittelversorgung zwischen Venedig und dem Festland und erst kürzlich für einen Blogeintrag am 11.9.15 von mir recherchiert. Hier fand ich begeistert weitere Details und das Originalgemälde "Ansicht der vereisten Lagune von San Giobbe Richtung der Insel San Secondo und Marghera an der Einmündung des Rio di Cannaregio. Sie blieb vereist vom 27. Dezember 1788 bis 11. Januar."  (Detailfoto am Ende des Eintrags.)



Ausschnitt aus dem Beitrag der Universität IUAV Venedig (für die vergrößerte YouTube-Version bitte auf die Überschrift im Bild klicken)

Wer die Ausstellung besucht, sollte sich Zeit nehmen, vor allem, wenn Kinder dabei sind. Auch wenn im Ticket der ganze Dogenpalast enthalten ist: sausen lassen und in Ruhe alle Details dieser wunderbaren Ausstellung mitnehmen! Es lohnt sich auch, den Katalog zu kaufen (29 €), obwohl mir ein Rätsel ist, wieso man ihn nicht (mindestens) zweisprachig (wie die Ausstellung: italienisch/englisch) angelegt hat. Es ist einfach bescheuert, bei 60.000 Einwohnern derartige Veröffentlichungen nicht mehrsprachig herauszugeben, damit die Auflage zu erhöhen und fremdsprachige BesucherInnen auch vom ausgezeichnet edierten Katalog profitieren zu lassen. 


Venezianische Salzgewinnung auf S. Maura (heute Lefkada)
Die Ausstellung findet statt in den Räumen des Dogenapartments. Für die Manet-Ausstellung 2013 wurde hier eine gute Ausstellungsinfrastruktur installiert, also Speziallicht, Vorsatzwände, Hängevorrichtungen etc., was einerseits gut ist, andererseits ist dadurch der Wandschmuck in den Dogenräumen nicht mehr zu sehen und das Tageslicht weitgehend ausgeschlossen. Von den Wohnräume der Dogen sieht man jetzt deutlich weniger als früher. Man kann nicht alles haben... ein Trost ist vielleicht, dass das Fotoverbot (außer der Nutzung von Blitzen) aufgehoben wurde und man also ENDLICH im Dogenpalast fotografieren darf, wenn man möchte.  

Seit kurzem gibt es qualifizierte Führungen für den Rundgang und die Sonderausstellungen des Dogenpalastes (neben den beiden Führungen, die es außerhalb des Rundgangs gibt). Sie dauern jeweils ca. 2 Stunden und kosten 100 € für bis zu 25 Personen. Zusätzlich zur Eintrittskarte.

Ich verlinke hier für Interessierte
Allgemeine Informationen zu Führungen (italienisch)
Allgemeine Informationen zu Führungen (englisch))
Führung Acqua e cibo, Details und Link zur Online-Anmeldung

San Secondo - Tanz auf dem Eis
Detail aus: "Ansicht der vereisten Lagune...", unbek, Künstler

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